Alla und Bolek verschwinden in der Alleinruhelage
*Alleinruhelage* beginnt vielversprechend: Nach dem Ende ihrer Ehe zieht sich die Erzählerin in das Wochenendhaus am See zurück, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Unterstützung bei den Renovierungsarbeiten bekommt sie von den beiden polnischen Handwerkern Alla und Bolek, die in der Leseprobe mit ihrem trockenen Humor und ihrer unkomplizierten Art sofort Sympathiepunkte sammeln. Leider verschwinden sie nach kurzer Zeit fast vollständig aus der Handlung.
Eva Menasse erzählt ihren Roman sehr persönlich, fast autobiografisch. Das hat durchaus seinen Reiz, wirkt auf mich aber häufig sprunghaft und unruhig. Immer wieder wechseln die Zeitebenen, ohne dass klar wird, wo sich die Erzählerin gerade befindet. Dadurch fiel es mir schwer, den roten Faden zu behalten.
Hinzu kommt, dass viele Erzählstränge zwar begonnen, aber nicht wirklich zu Ende geführt werden. Manche Geschichten werden nur angerissen und dann wieder fallen gelassen. Wie sich z.B. die schwierige Beziehung zur Tochter entwickelt, blieb für mich offen. Auch die direkte Ansprache an einen geheimnisvollen „Habibi“ sorgt zunächst eher für Verwirrung als für Spannung. Erst gegen Ende wird klar, wer gemeint ist – doch selbst dann bleibt vieles unausgesprochen.
Ein weiterer Kritikpunkt sind für mich die Figuren. Viele Charaktere wirken recht eindimensional und bleiben trotz ihrer Auftritte blass. Besonders die Bewohner des dünn besiedelten Landstrichs werden fast ausschließlich als verschroben, engstirnig oder skurril dargestellt. Dadurch entstand für mich der Eindruck eines sehr einseitigen Blicks einer Großstadtintellektuellen auf die vermeintlich einfache Landbevölkerung. Mehr Zwischentöne hätten dem Roman gut getan.
**Mein Fazit:** *Alleinruhelage* wird von vielen als feinsinniger Roman über einen Neuanfang gelesen. Für mich blieb er jedoch zu unruhig, zu fragmentarisch und emotional auf Distanz. Die Figuren, die mich anfangs am meisten interessiert haben, spielen später kaum noch eine Rolle, während andere Handlungsstränge unvollendet bleiben. Wer literarische, assoziative Erzählweisen mag, wird dem Buch vermutlich mehr abgewinnen können.