Ein feinfühlig erzählter Roman über Zugehörigkeit und Abschied

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Der neue Roman „Alleinruhelage“ von Eva Menasse ist ein nuancenreich beobachtender, atmosphärisch dichter Roman über Heimat, Familie, Zugehörigeit, Fremdheit und das Loslassen. Eva Menasse erzählt in Im Mittelpunkt steht die Erzählerin, die den Entschluss gefasst hat, ihr Ferienhaus zu verkaufen, das idyllisch an einem See in der brandenburgischen Abgeschiedenheit gelegen ist. Nun blickt sie angesichts des Abschieds noch einmal auf die vergangenen Jahre und die schönen Momente eines gemeinsamen Familienlebens zurück, die unweigerlich mit diesem Ort und der Immobilie verknüpft sind. Sehr gelungen sind die rückblickenden Passagen mit den Episoden der Gegenwart verwoben.
Über Jahre hinweg war das Haus in Alleinruhelage, das ursprünglich eine Waldschänke war und mühevoll in ein Wohnhaus umgebaut wurde, der familiäre Lebensmittelpunkt, Rückzugsort und persönliches Experimentierfeld und stellte zugleich ein Stück gelebte Identität dar. Hautnah haben wir Anteil an der emotionalen Achterbahnfahrt der Erzählerin, die immer wieder ohne nostalgische Verklärungen und mit erfrischend klarem, nüchternen Blick in die Erinnerungen an das Aufwachsen der Kinder, Freundschaften, Feiern, Konflikte und die alltäglichen Reibereien des Lebens in der ostdeutschen Provinz eintaucht. Ähnlich wie einst mit dem Ferienhaus, das saniert, umgewidmet, verteidigt und schließlich losgelassen werden muss, verhält es sich auch mit dem Leben der Erzählerin, die sich oftmals in einem Zustand innerer und sozialer Distanz befindet. Eindrucksvoll und mit viel Feingefühl beschreibt die Autorin, den schrittweisen Wandel von der einst hoffnungsvollen Aufbruchphase zur schwierigen Zeit des Abschieds, in der man sich von Vertrautem löst und Ungewissheiten an die Stelle von Gewissheit tritt, die aber zugleich auch den allmählichen Übergang in eine neue Lebenslage mit neuen Perspektiven möglich macht.
Mit präzisen Beobachtungen, pointierten Formulierungen und einem prägnanten Erzählstil versteht es Menasse, die feinen atmosphärischen Verschiebungen einzufangen und eher kleinen, beiläufigen Momenten wie Gesprächen, Eigenheiten der Nachbarn, familiäre Rituale oder die verschiedenen Stimmungen rund um Garten, See und Haus eine besonders eindrückliche Bedeutung und emotionale Dichte zu verleihen.
Gekonnt führt sie uns die Endlichkeit von Lebensabschnitten als Teil eines schmerzhaften und zugleich natürlichen Prozesses vor Augen - ein Wandel, der auch trotz tiefgreifender Veränderungen neue Chancen mit sich bringt.
Facettenreich beleuchtet die Autorin das ambivalente Verhältnis zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit insbesondere auch vor dem besonderen historischen und sozialen Kontext. Geschickt lässt sie in ihrer Geschichte die ländlichen Begebenheiten, das ostdeutsche Selbstverständnis sowie die Mentalitätsdifferenzen und sprachliche Unterschiede in den Alltagsbegegnungen mit den Bewohnern vor Ort aufeinandertreffen. Die Erzählerin bleibt eine Zugezogene, die sich in der ostdeutschen, ländlichen Umgebung nie ganz eingelebt hat, aber dennoch trotz aller Befremdlichkeiten mit der ostdeutschen Ortsgeschichte und kultureller Fremdheit über die Jahre eine enge Verbundenheit mit dem Ort entwickelt. Sehr facettenreich wird das Spannungsfeld zwischen Nähe und Fremdheit eingefangen.