Eine Frau in Alleinruhelage
Hinaus in die Wälder Brandenburgs begibt sich der neue Roman von Eva Menasse. Darin erzählt sie von einer Österreicherin in der ostdeutschen Waldeinsamkeit – und der Alleinruhelage, in der sich die Frau persönlich wie auch ihr Zuhause befinden.
Der deutsche Leser mag unverständig auf den Titel blicken, der einem von Eva Menasses neuem Roman entgegenscheint. Alleinruhelage, es ist einer dieser Austriazismen, die uns hierzulande völlig fehlen und die man in unserem Nachbarland besonders im Kontext von Immobilienanzeigen antrifft. Menasse selbst beschreibt den Begriff wie folgt:
Wir waren stolz auf den Preis, weil alle weiter weg lebenden Freunde uns gratuliert hatten. Für Menschen im Süden und Westen des Landes, auch für die südöstlichen Österreicher klang der Preis fast unglaublich, ein massives, unterkellertes Haus an einem See und mit einem großen Garten, dazu in Alleinruhelage – wie man in Österreich sagt, wo es auch sprachlich immer ein bisschen mehr sein darf.
Eva Menasse – Alleinruhelage, S. 33
Dieses abgeschiedene Haus, das sich die Erzählerin zusammen mit ihrem Mann einst in der Nachwendezeit auf ehemaligem DDR-Gebiet sicherte, es hat die gewachsene Familie lange Zeit beherbergt. Früher war das Haus eine sogenannte Waldschänke, deren Umwidmung in ein Wohnhaus sich lange Zeit hinzog und vor diversen juristischen Hürden stand. Und doch wagte sich die namenlose Erzählerin mit ihrem Mann an den Umbau des Hauses und damit einen Start auf unbekannten Terrain, und das mit Erfolg. Denn für lange Zeit sollte das Haus einem Zuhause für ihre Familie werden.
Das Aufwachsen ihrer Kinder, die jährlichen Besuche von Freunden, das Miteinander mit den von ihr Sch’tis geheißenen Einwohner des kleinen Städtchens Vogelsang, die einen so anderen Dialekt sprechen, wie auch ihr Temperament dem der Erzählerin denkbar fern ist, das alles steht vor dem Satz, mit dem das Buch beginnt: Haus, ich verkaufe dich.
Rückblick auf ein Zuhause in Alleinruhelage
Fern sind nun die Zeiten, die sie sich nun noch einmal vor Augen ruft. Denn ihr Haus, das so lange auch mit seiner Alleinruhelage ein Rückzugsort war, sie will es verkaufen. Eine Trennung, der Wegzug der Kinder – vieles ist in eine neue Lebensphase getreten. Bevor diese mit der Veräußerung des Hauses auch sichtbar abgeschlossen ist, nimmt uns Menasses Erzählerin noch einmal zurück in alle Phasen, deren Zeuge das Haus in der ostdeutschen Provinz wurde.
Große Feiern mit Freundinnen, die den Widerwillen der anderen Datschenbesitzer hervorriefen, die beherzte Untertanmachung des nahegelegenen Sees mit einem Rückschnitt von Wasserpflanzen und Schilfrohr, pädagogische Herausforderungen durch ihre Kinder. All das besieht sie noch einmal im Rückblick, wobei eine große Qualität von Alleinruhelage darin besteht, dass das ohne Larmoyanz, aber einen Wissen um die Endlichkeit der Stadien eines Lebens abgeht.
Menasses Buch ist von einer klarsichtigen Nostalgie durchzogen, die die Lektüre des Buchs zu einer kurzweiligen Angelegenheit und großen Freude macht. Die Perspektive der Zugezogenen auf einen Landstrich, der ihr sich nicht immer erschließt, ihr aber doch auch zu einem Herzensort wird, das arbeitet der Roman gelungen heraus. Auch ist der Titel vortrefflich gewählt, weil diese Alleinruhelage in der Abgeschiedenheit nicht nur für das Haus gilt, sondern auch für die Erzählerin, die sich neu sortieren muss, nachdem sich so viele Bindungen gelöst haben, die sie Jahre lang eingesponnen hatten.
Fazit
Versetzt mit Zitaten aus Werken wie Meir Shalevs Mein Wildgarten oder Philip Roths Indignation entsteht ein kompakter, aber gedanken- und vor allem lebensreicher Text, mit dem die Erzählerin Abschied nimmt von einem Zuhause, vor allem aber einem Lebensabschnitt und eine Ort, der sich ihr nicht immer erschloss, der aber in ihr bleiben wird.
Deutlich knapper und leichter als ihr fast schon inkommensurables Magnus Opus Dunkelblum, mit dem sie zuletzt vor fünf Jahren literarisch von sich hören ließ, aber nicht weniger empfehlenswert ist dieser Ausflug in die österreichisch-ostdeutschen Beziehungen, die sich hier in Vogelsang vollziehen.
Der deutsche Leser mag unverständig auf den Titel blicken, der einem von Eva Menasses neuem Roman entgegenscheint. Alleinruhelage, es ist einer dieser Austriazismen, die uns hierzulande völlig fehlen und die man in unserem Nachbarland besonders im Kontext von Immobilienanzeigen antrifft. Menasse selbst beschreibt den Begriff wie folgt:
Wir waren stolz auf den Preis, weil alle weiter weg lebenden Freunde uns gratuliert hatten. Für Menschen im Süden und Westen des Landes, auch für die südöstlichen Österreicher klang der Preis fast unglaublich, ein massives, unterkellertes Haus an einem See und mit einem großen Garten, dazu in Alleinruhelage – wie man in Österreich sagt, wo es auch sprachlich immer ein bisschen mehr sein darf.
Eva Menasse – Alleinruhelage, S. 33
Dieses abgeschiedene Haus, das sich die Erzählerin zusammen mit ihrem Mann einst in der Nachwendezeit auf ehemaligem DDR-Gebiet sicherte, es hat die gewachsene Familie lange Zeit beherbergt. Früher war das Haus eine sogenannte Waldschänke, deren Umwidmung in ein Wohnhaus sich lange Zeit hinzog und vor diversen juristischen Hürden stand. Und doch wagte sich die namenlose Erzählerin mit ihrem Mann an den Umbau des Hauses und damit einen Start auf unbekannten Terrain, und das mit Erfolg. Denn für lange Zeit sollte das Haus einem Zuhause für ihre Familie werden.
Das Aufwachsen ihrer Kinder, die jährlichen Besuche von Freunden, das Miteinander mit den von ihr Sch’tis geheißenen Einwohner des kleinen Städtchens Vogelsang, die einen so anderen Dialekt sprechen, wie auch ihr Temperament dem der Erzählerin denkbar fern ist, das alles steht vor dem Satz, mit dem das Buch beginnt: Haus, ich verkaufe dich.
Rückblick auf ein Zuhause in Alleinruhelage
Fern sind nun die Zeiten, die sie sich nun noch einmal vor Augen ruft. Denn ihr Haus, das so lange auch mit seiner Alleinruhelage ein Rückzugsort war, sie will es verkaufen. Eine Trennung, der Wegzug der Kinder – vieles ist in eine neue Lebensphase getreten. Bevor diese mit der Veräußerung des Hauses auch sichtbar abgeschlossen ist, nimmt uns Menasses Erzählerin noch einmal zurück in alle Phasen, deren Zeuge das Haus in der ostdeutschen Provinz wurde.
Große Feiern mit Freundinnen, die den Widerwillen der anderen Datschenbesitzer hervorriefen, die beherzte Untertanmachung des nahegelegenen Sees mit einem Rückschnitt von Wasserpflanzen und Schilfrohr, pädagogische Herausforderungen durch ihre Kinder. All das besieht sie noch einmal im Rückblick, wobei eine große Qualität von Alleinruhelage darin besteht, dass das ohne Larmoyanz, aber einen Wissen um die Endlichkeit der Stadien eines Lebens abgeht.
Menasses Buch ist von einer klarsichtigen Nostalgie durchzogen, die die Lektüre des Buchs zu einer kurzweiligen Angelegenheit und großen Freude macht. Die Perspektive der Zugezogenen auf einen Landstrich, der ihr sich nicht immer erschließt, ihr aber doch auch zu einem Herzensort wird, das arbeitet der Roman gelungen heraus. Auch ist der Titel vortrefflich gewählt, weil diese Alleinruhelage in der Abgeschiedenheit nicht nur für das Haus gilt, sondern auch für die Erzählerin, die sich neu sortieren muss, nachdem sich so viele Bindungen gelöst haben, die sie Jahre lang eingesponnen hatten.
Fazit
Versetzt mit Zitaten aus Werken wie Meir Shalevs Mein Wildgarten oder Philip Roths Indignation entsteht ein kompakter, aber gedanken- und vor allem lebensreicher Text, mit dem die Erzählerin Abschied nimmt von einem Zuhause, vor allem aber einem Lebensabschnitt und eine Ort, der sich ihr nicht immer erschloss, der aber in ihr bleiben wird.
Deutlich knapper und leichter als ihr fast schon inkommensurables Magnus Opus Dunkelblum, mit dem sie zuletzt vor fünf Jahren literarisch von sich hören ließ, aber nicht weniger empfehlenswert ist dieser Ausflug in die österreichisch-ostdeutschen Beziehungen, die sich hier in Vogelsang vollziehen.