Großartiger Schreibstil

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marieon Avatar

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Die Ehe längst perdu, die Kinder aus dem Haus, seine und ihre. Was wird aus dem Wochenendhaus mitten drin in Ostdeutschland, das ihr geblieben ist? Die erste Rückkehr nach einer Weile der mehr oder weniger geklärten Fronten war mehr als ernüchternd. Sie traf sich mit dem Makler, sie gingen hinein und dann sah sie etwas, das sie nie im Leben erwartet hätte. Die Kommode im Hauptraum fehlte samt Schubladen, deren Inhalt auf den Boden gekippt wurden. Kinderspielzeug, Nähzeug, ein Kartenspiel, Socken, Batterien und Taschenlampen ergossen sich auf dem Boden. Sehr viele leere Weinflaschen hatten sich dazu gesellt. Ihr Blick fiel auf eine gebrauchte Männerunterhose, die sie mit der Schuhspitze hinter den Kühlschrank beförderte. Er habe schon alles gesehen, merkte der Makler an. Ein Anflug von Lachen erstickte erschrocken in ihrem Hals. Der Makler tat, als habe er nichts bemerkt und fotografierte zuerst einmal von außen. Drinnen zeigte er mit der Handkante welche Notwendigkeiten ihm vorschwebten und sie räumte Zeug von A nach B.

Ihre längste und beste Freundin Amy rückte mit reißfesten Müllsäcken an und half ihr, es zu entrümpeln das Haus, das sie einst so liebevoll wie ahnungslos renoviert hatten, obwohl ihnen die Genehmigung fehlte. Es war eine ehemalige Kneipe auf einem DDR-Campingplatz und als ihr damaliger Partner und sie sich zum Kauf entschieden hatten, stand es plötzlich in einem Landschaftsschutzgebiet der Bundesrepublik Deutschland. Aus dem Campingplatz war eine Schrebergartensiedlung mit mehr oder weniger stabilen Datschen geworden. Die Anwohner beäugten sie, die Zugezogenen, argwöhnisch.

Fazit: Die vielfach ausgezeichnete Autorin Eva Menasse hat mit diesem Buch etwas Neues versucht. Sie erzählt die fiktive Geschichte einer Frau mittleren Alters nach dem Eheaus. Das Wochenendhäuschen, das ihr geblieben ist, bedarf ausgiebiger Fürsorge. Zuerst will sie es verkaufen, aber dank den zwei findigen polnischen Handwerkern macht sie Haus und Garten zu einem paradiesischen Ort. Die Protagonistin lässt die Ereignisse, die sie in dem Haus erlebt hat, revue passieren. Sie spricht über das Fremdsein, das Ankommen, die Liebe und das Abschiednehmen. Ich mochte die zahlreichen Metaphern sehr:

Alles flirrt, summt, bebt vor Sommerfreude. Licht und Schatten spielen miteinander wie die Finger eines Liebespaars. S. 17

Die melancholischen und auch amüsanten, teils komischen Rückblicke lesen sich autobiografisch (sind jedoch fiktiv). Ich hätte mir ein wenig mehr von den im Klappentext eingeführten Handwerkern Alla und Bolek gewünscht, die jedoch nur einen kurzen Gastauftritt hatten. Mir gefielen viele Gedankengänge, aber die Meinung der Protagonistin zu politischen Ereignissen hätte ich nicht immer gebraucht. Ebenso neigt die Protagonistin teils zur Geschwätzigkeit. Den Schreibstil allerdings fand ich großartig, ebenso die Technik vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen. Und ich bleibe der Autorin, die ich bisher nur aus dem „Literarischen Quartett“ kannte, durchaus zugeneigt.