Kann es ein Leben ohne das Haus am See geben?

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Eva Menasses namenlose Icherzählerin lebte in einer Patchworkfamilie mit ‚deinem, meinem und unserem‘ Kind, als sie mit ihrem Mann im fiktiven Vogelsang ein Haus mit Seegrundstück kaufte. Es liegt so weit östlich, dass dort Deutsche in Polen einkaufen und Polen im Westen Wohnungen mieten. Inzwischen sind 20 Jahre vergangen, die Kinder sind erwachsen, die Ehe gescheitert und die Erzählerin schmachtet aus der Ferne einen „Habibi“ an. Kurz: das Haus soll verkauft werden und auf Kaufinteressenten einen gepflegten Eindruck machen. Ich war mir sicher, dass sie ihr Haus jeden Tag vermissen würde.

Die Vorgeschichte des Hauses wirkt nur aus westlicher Perspektive speziell. Es war zu DDR-Zeiten die Kneipe eines Campingplatzes, der zwangsläufig genehmigt werden musste, weil die Leute dort einfach zelteten, angelten und schwammen. Als die Familie einzog, war noch immer ungeklärt, ob sie umbauen dürfen oder ob Gemeinschaftsduschen zum Bestandsschutz zählen. Anekdoten vom Umbau, über Nachbarn, die noch Datschen mit Seeblick aus DDR-Zeiten besaßen, und besonders über Alla und Bolek, die alle Handwerke beherrschen und für jedes Problem einen Fachmann kennen, wecken unweigerlich Erinnerungen an Badestege meiner Jugend. Als die Österreicherin, die hier „die Münchnerin“ geschimpft wird, den Verkauf beschließt, hatte Bolek protestiert: „So ein Haus kaufst du nur einmal im Leben“! Dieser Habibi jedoch hatte offenbar nicht signalisiert, dass er mit dem Beseitigen von Schilf, Algen und undichten Dachpfannen nicht behelligt werden wollte.

Als Österreicherin und Zugezogene aus dem Westen ist die Erzählerin in der ostdeutschen Provinz doppelt leicht zu kränken, seziert jedoch aus dieser Perspektive voller Ironie Befindlichkeiten der Nachwendezeit. Ihre Erinnerungen spannen sich vom Exil- und Fluchttrauma ihrer jüdischen Familie bis zur „roten Socke“, ihren Nachbarn Paul, der zu DDR-Zeiten seine Aufgabe darin sah, als Schlichter Protest möglichst zu ersticken, bevor jemand auch nur daran denken konnte. Und spätestens hier verdeutlicht Eva Menasse, warum es bis heute an Blühenden Landschaften mangeln muss, wenn man keinen Handwerker für Pumpen, Abwassertanks u. a. Zumutungen finden würde ohne eine Alla, die stets jemanden kennt, der jemanden kennt.

Fazit
Die Geschichte eines fiktiven Sommerhauses besteht aus Rückblick, Ansprache an das Haus selbst und an einen fernen Liebhaber. In ironisch-spitzfindigen Anekdoten zerlegt Eva Menasse das Ost-West-Verhältnis nach der Wende und macht sich den bevorstehenden Abschied von ihren mittleren Lebensjahren bewusst. Die Szenen rund um Haus und See waren für mich ein Highlight, weil ich vom Schrebergarten meiner Kindheit schwer loslassen kann. Auf den neuen Mann im Roman und das personifizierte Haus hätte ich gern verzichtet.