Wenn Häuser sehen könnten

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galaxaura Avatar

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„Alleinruhelage“, der neue Roman von Eva Menasse, erschienen 2026 bei Kiepenheuer und Witsch, wird von der Autorin selbst als ein Experiment beschrieben – und es ist gut, das darf man sich immer wieder vor Augen führen, Neues zu probieren und den eigenen Kunsthorizont auszudehnen, auch wenn das Experiment hier leider gescheitert ist.

Die Protagonistin des Romans, der autobiographische Züge trägt, ist im mittleren Alter angekommen und verkauft nach langem Vermeidungsverhalten ihr Haus am See, in einer Datschensiedlung gelegen, ein Haus voller Erinnerung an Partnerschaft und die Zeit im Osten nach der Wende, ein Haus, das viel gesehen hat – und nicht alles davon war gut. Dabei ist ihre Perspektive als Österreicherin in den neuen Bundesländern quasi die einer doppelt Fremden. Mutig packt sie Renovierungsarbeiten und ewige Probleme mit der Wasserpumpe an, obwohl nicht geklärt ist, ob das ehemalige Lokal überhaupt umgewidmet und zum Wohnen genutzt werden darf – was ihr regelmäßig durchreisende Besucher beschert, die einkehren wollen. Das Aufräumen des Hauses ist auch ein Aufräumen des Lebens, ein Aufbruch in Neues.

Formal beginnt Menasse geschickt mit einer Personifizierung des Hauses, literarisch sehr gelungen, das Haus dominiert das Leben, Haus als Metapher für eine Beziehung, auch generell die Personifikation der sie umgebenden Natur, das ist schön gemacht, bei zeitgleicher Verdinglichung und Entpersonalisierung der Familienmitglieder, deren Namen wir nie erfahren, hier erhalten nur Menschen außerhalb der Familie Namen. Die Frage, was Häuser erzählen würden, wenn sie sehen könnten, spukte durch meinen Kopf. Ein bisschen Ex-DDR Kolorit, ein paar Besonderheiten, ein bisschen deutsche Bürokratie, zunächst noch halbwegs amüsant, wenn auch nie wirklich packend, trotz dauernder Vorgriffe in der Handlung, um Spannung zu erzeugen, was mich als Stilmittel nicht überzeugen konnte. Die Figuren, denen die Protagonistin begegnet, sind schrullig aber greifbar gezeichnet, Paul Woitek, der Nachbar, die rote Socke, ein guter Charakter, eigentlich ist das Haus gar nicht, was sie wollen, warum kaufen sie es, fragte ich mich? Aber schnell wurde es jammerig, Anekdote reihte sich an Anekdote ohne Ziel, die Beziehung blieb nebulös, dafür häuften sich die unzulässigen „Wir“ und „Alle“ Annahmen, die doch nur für das eigene begrenzte Weltbild sprechen und nicht belegbar in der Wirklichkeit sind. An Menasse ist darüber hinaus der Feminismus und das 21. Jahrhundert leider vorbeigezogen, „typisch weibliche Verhaltensmuster“ schreibt sie, wo sie typisch patriarchale Anpassungs-Verhaltensmuster meint. „Die Spuren der Wühlmäuse hingegen sind zart und unauffällig, vergleichbar den Intrigen der Frauen“ – sicherlich wird es Leserinnen geben, die mit solchen Sätzen glücklich gemacht werden können, ich bin es nicht. Je weiter das Buch voranschritt, desto geschwätziger und langatmiger wurde es und auch aus der Perspektive als Österreicherin in den neuen Bundesländern wurde leider nicht viel gemacht. Am Ende kommt sie dann doch mal wieder zurück zum Haus als Metapher für ihre Beziehung, die so wichtig ist, über die wir aber nichts erfahren, außer nebulöse Aussagen und Andeutungen, weshalb die Autorin das mit dem Haus ja auch vergessen hat zwischendurch... Dabei war DAS wirklich eine gute Idee.

Menasse kann auch schreiben! Das Buch ist flüssig, insbesondere die Charaktere gelingen ihr wunderbar und die Beschreibungen der Gegend sind lebendig und besonders. Aber es fehlt jeglicher Faden und vom Aufbruch, den der Klappentext verspricht, ist nicht wirklich etwas zu spüren. Alles versinkt in Anekdoten und Andeutungen. „Es ist ein lockeres, assoziatives Buch“ sagt die Autorin im Bloggerbrief, etwas zu locker wohl. Der vergnügte, krisenarme Schreibprozess hätte vielleicht ein Alarmsignal sein müssen: Dass es um nichts geht.