Willkommen bei den Datschisten
Ein Haus am See - klingt das nicht idyllisch? Peter Fox hat es sogar besungen.
Bei Eva Menasse möchte die Ich-Erzählerin jedoch genau so ein Haus am See in "Alleinruhelage" verkaufen.
Dieses Haus birgt Erinnerungen an glückliche Tage mit der Patchworkfamilie.
Gekauft wurde es als Ferienhaus nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung in der ostdeutschen Provinz.
Die Ich-Erzählerin wollte hier mit ihrer Tochter, ihrem Mann und dessen Sohn schöne Sommerferien verbringen.
Jedoch war dieses Haus auch eine Herausforderung in mehrfacher Hinsicht:
Zunächst wurden die Ich-Erzählerin und ihre Familie von den neuen Nachbarn argwöhnisch beäugt, den Bewohnern der "Datschen" aus Zeiten der DDR.
Hinzu kommt, dass sowohl am Haus als auch am See viel Arbeit zu erledigen ist.
Am Ende stellt die Ich-Erzählerin fest, dass das Haus genauso verfallen ist wie ihre Ehe.
Bevor sie es jedoch verkaufen kann, muss sie es mit Hilfe des moldawischen Ehepaares Alla und Bolek in einen vorzeigbaren Zustand versetzen.
Während dieser Verschönerungsarbeiten hält die Ich-Erzählerin Zwiesprache mit dem Haus und erinnert sich an verschiedene Begebenheiten aus ihrer Vergangenheit und der ihrer Familie.
Ausgehend von ihrem geplanten Hausverkauf denkt sie darüber nach, warum ihre Großeltern in der "Judenwohnung" geblieben sind, in die sie deportiert worden waren:
"Auch meine Großeltern blieben nach dem Krieg in der Judenwohnung in einem Judenhaus [...] Bis der Krieg zu Ende war. Danach fehlten ihnen Kraft und Geld für eine Ortsveränderung" (S. 74)
Weitere Erinnerungen erscheinen assoziativ ohne chronologische Reihenfolge. So lernen wir "Onkel Walter und Tante Hupfi" kennen, kinderlose Freunde der Eltern, bei denen die Ich-Erzählerin als Kind viel Zeit verbracht hat.
Ich habe Alleinruhelage insgesamt sehr gerne gelesen.
Der Roman ist mehrschichtig aufgebaut:
Oberflächlich betrachtet geht es um den Verkauf des Ferienhauses, jedoch ergeben sich bei genauerer Betrachtung einige Themen, die beleuchtet werden.
Eva Menasse erzählt hierbei mit viel Augenzwinkern von ihrer Sicht als Österreicherin auf die deutsch-deutsche Wiedervereinigung und die Schwierigkeiten, sich in eine eingeschworene Gemeinschaft von "Datschisten" einzufügen.
Die Ich-Erzählerin spricht abwechselnd das Haus in Vogelsang und ihren Exfreund mit "du" an.
.
Herausfordernd beim Lesen fand ich zum einen, dass die Familienmitglieder nicht beim Namen genannt werden, wodurch mir die Zuordnung z.B. der Kinder gelegentlich schwerfiel. Zum anderen fehlte mir durch die assoziative, nicht chronologische Erzählweise der rote Faden.
Gelungen finde ich hingegen die Reflexion über die verschiedenen Beziehungen.
Die Ich-Erzählerin rekapituliert, wie das Zerwürfnis ihrer Eltern mit "Onkel Walter und Tante Hupfi" einen wichtigen Bestandteil ihrer Kindheit zerstört hat.
Dadurch hinterfragt sie auch kritisch, wie sich die Schwierigkeiten in ihrer Ehe auf ihre Kinder und den Stiefsohn ausgewirkt haben.
Hierzu passend wird eine Begegnung mit einem Jungen aus Vogelsang eingestreut, der aus einem Heim im Westen weggelaufen ist, um zu seiner Mutter zu kommen, aber vom Stiefvater rausgeschmissen wurde (S. 132-137)
Die Konfrontationen mit den "Datschisten", die in Anlehnung an einen bekannten französischen Film im Buch auch "Schtis" genannt werden, habe ich als humorvoll mit Wiener Schmäh erzählt empfunden.
Fazit:
Ein ruhiger Roman, der mit viel Muße gelesen werden sollte. Empfehlen kann ich diese augenzwinkernde Geschichte allen Lesern, die sich selbst nicht so ernst nehmen und Interesse an einem anderen Blickwinkel auf das Haus am See abseits der Werbekataloge haben wollen.
4/5 Sterne
Bei Eva Menasse möchte die Ich-Erzählerin jedoch genau so ein Haus am See in "Alleinruhelage" verkaufen.
Dieses Haus birgt Erinnerungen an glückliche Tage mit der Patchworkfamilie.
Gekauft wurde es als Ferienhaus nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung in der ostdeutschen Provinz.
Die Ich-Erzählerin wollte hier mit ihrer Tochter, ihrem Mann und dessen Sohn schöne Sommerferien verbringen.
Jedoch war dieses Haus auch eine Herausforderung in mehrfacher Hinsicht:
Zunächst wurden die Ich-Erzählerin und ihre Familie von den neuen Nachbarn argwöhnisch beäugt, den Bewohnern der "Datschen" aus Zeiten der DDR.
Hinzu kommt, dass sowohl am Haus als auch am See viel Arbeit zu erledigen ist.
Am Ende stellt die Ich-Erzählerin fest, dass das Haus genauso verfallen ist wie ihre Ehe.
Bevor sie es jedoch verkaufen kann, muss sie es mit Hilfe des moldawischen Ehepaares Alla und Bolek in einen vorzeigbaren Zustand versetzen.
Während dieser Verschönerungsarbeiten hält die Ich-Erzählerin Zwiesprache mit dem Haus und erinnert sich an verschiedene Begebenheiten aus ihrer Vergangenheit und der ihrer Familie.
Ausgehend von ihrem geplanten Hausverkauf denkt sie darüber nach, warum ihre Großeltern in der "Judenwohnung" geblieben sind, in die sie deportiert worden waren:
"Auch meine Großeltern blieben nach dem Krieg in der Judenwohnung in einem Judenhaus [...] Bis der Krieg zu Ende war. Danach fehlten ihnen Kraft und Geld für eine Ortsveränderung" (S. 74)
Weitere Erinnerungen erscheinen assoziativ ohne chronologische Reihenfolge. So lernen wir "Onkel Walter und Tante Hupfi" kennen, kinderlose Freunde der Eltern, bei denen die Ich-Erzählerin als Kind viel Zeit verbracht hat.
Ich habe Alleinruhelage insgesamt sehr gerne gelesen.
Der Roman ist mehrschichtig aufgebaut:
Oberflächlich betrachtet geht es um den Verkauf des Ferienhauses, jedoch ergeben sich bei genauerer Betrachtung einige Themen, die beleuchtet werden.
Eva Menasse erzählt hierbei mit viel Augenzwinkern von ihrer Sicht als Österreicherin auf die deutsch-deutsche Wiedervereinigung und die Schwierigkeiten, sich in eine eingeschworene Gemeinschaft von "Datschisten" einzufügen.
Die Ich-Erzählerin spricht abwechselnd das Haus in Vogelsang und ihren Exfreund mit "du" an.
.
Herausfordernd beim Lesen fand ich zum einen, dass die Familienmitglieder nicht beim Namen genannt werden, wodurch mir die Zuordnung z.B. der Kinder gelegentlich schwerfiel. Zum anderen fehlte mir durch die assoziative, nicht chronologische Erzählweise der rote Faden.
Gelungen finde ich hingegen die Reflexion über die verschiedenen Beziehungen.
Die Ich-Erzählerin rekapituliert, wie das Zerwürfnis ihrer Eltern mit "Onkel Walter und Tante Hupfi" einen wichtigen Bestandteil ihrer Kindheit zerstört hat.
Dadurch hinterfragt sie auch kritisch, wie sich die Schwierigkeiten in ihrer Ehe auf ihre Kinder und den Stiefsohn ausgewirkt haben.
Hierzu passend wird eine Begegnung mit einem Jungen aus Vogelsang eingestreut, der aus einem Heim im Westen weggelaufen ist, um zu seiner Mutter zu kommen, aber vom Stiefvater rausgeschmissen wurde (S. 132-137)
Die Konfrontationen mit den "Datschisten", die in Anlehnung an einen bekannten französischen Film im Buch auch "Schtis" genannt werden, habe ich als humorvoll mit Wiener Schmäh erzählt empfunden.
Fazit:
Ein ruhiger Roman, der mit viel Muße gelesen werden sollte. Empfehlen kann ich diese augenzwinkernde Geschichte allen Lesern, die sich selbst nicht so ernst nehmen und Interesse an einem anderen Blickwinkel auf das Haus am See abseits der Werbekataloge haben wollen.
4/5 Sterne