Zwischenbilanz
„Haus, ich verkaufe dich.“ Es ist schon der zweite Versuch der namenlosen Ich-Erzählerin, sich von dem Haus zu trennen, doch nun ist die Entscheidung unumstößlich. Ein Lebensabschnitt ist endgültig vorbei, jetzt ist ein Neuanfang notwendig geworden. „ Ich möchte herausfinden, ob meine neue, stabile Alleinruhelage nicht doch ein wenig mehr Bewegung verträgt.“
Wer hier spricht ist eine Frau Mitte Fünfzig, Schriftstellerin, aus Österreich stammend. Diese Ich-Erzählerin weist viele Parallelen zu Eva Menasse auf und so lese ich dieses Buch - ob es ein Roman ist, darüber ließe sich streiten - als eine Mischung aus Autobiograhischem und Erfundenem. Es ist ein Rückblick auf einzelne Etappen der letzten zwei Jahrzehnte, mit wenigen Ausflügen in die Vergangenheit, die eigene und die der Eltern.
Zehn Jahre nach der Wende erwerben die Ich-Erzählerin und ihr damaliger Mann ein Haus in der ostdeutschen Provinz, eine ehemalige Waldschänke am Rande einer Datschensiedlung, noch dazu in „der begehrten Alleinlage“, direkt am See gelegen, und bezahlbar. Es sollte ein Ruhepunkt werden für die Protagonistin und ihre Familie. Hier wollten sie dem Trubel der Hauptstadt entfliehen und die Landidylle genießen.
Und das Haus ist Zeuge gewesen „von allem, der Ehe, den Kindern, dem Ende der Ehe, den Lieben, die danach kamen, den Festen, …“ usw.
In einem Mosaik aus Geschichten, Anekdoten, Betrachtungen und Reflexionen wird Bilanz gezogen. Der Blick zurück verläuft nicht chronologisch, assoziativ lässt sich die Protagonistin treiben.
Dabei erzählt sie von den glücklichen Momenten, die es hier viele gab, aber auch von den Schwierigkeiten einer Patchwork- Familie , von den gemeinsamen Jahren und den Jahren nach der Trennung. Nicht alles wird hierbei auserzählt, das ist auch gut so. Zu viel intime Details braucht es nicht.
Aber ein altes, renovierungsbedürftiges Haus bringt viele Herausforderungen mit sich. Auch davon erfährt man einiges im Buch, von den ständigen Reparaturen, den oft vergeblichen Verschönerungsmaßnahmen, von geplatzten Rohren und überlaufenden Abwassergruben.
Und dass ein Leben inmitten der Natur nicht nur idyllisch ist, erfahren die Bewohner des Ferienhauses auf vielfältige Weise. Der anfangs so verlockende See wird irgendwann von Algen überwuchert und beginnt zu faulen. Sämtliche Rettungsversuche schlagen fehl. Zum Scheitern verurteilt ist auch der Kampf gegen die Wühlmäuse im Rasen.
Die Beziehung zu den neuen Nachbarn gestaltet sich als äußerst schwierig. Die meisten begegnen den Wessis aus der Stadt mit Misstrauen und Ablehnung. Man kommt sich auch im Verlauf der Jahre nicht näher. „Sie hielten uns für reich und hochmütig, wir hielten sie für gemein und schadenfroh. Dabei stimmte es auch umgekehrt.“
Einzig Paul Woitek, ein alternder Schönling, bietet großzügig seine Hilfe an. Er ist der Boss in dem Datschenverein und er unterstützt die Neuankömmlinge mit Tatkraft und zahlreichen Ratschlägen. Da fragt die Protagonistin dann nicht nach, als er sich als „rote Socke“ outet.
Wie bei einer so politisch engagierten Autorin nicht anders zu erwarten, wirft Eva Menasse auch einen kritischen Blick auf die Nachwendezeit, benennt Fehler, die gemacht wurden, und reflektiert Gründe für die unterschiedlichen Mentalitäten.
Manche Erinnerungen führen zurück in die Geschichte ihrer österreichisch-jüdischen Vorfahren. Eine besondere Rolle kommt dabei Freunden ihrer Eltern zu, „Onkel Walter und Tante Hupfi“, Fixpunkte ihrer Kindheit.
Ein Blick zurück ist meist mit einer gewissen Melancholie verbunden, die spüre ich auch hier. Aber sentimental wird die Autorin dabei nie.
Als angenehm habe ich den distanzierten, leicht ironischen Ton empfunden, den sie auch auf sich und ihresgleichen anwendet. Kritisch betrachtet sie nicht nur ihr Umfeld, sondern auch sich selbst. So z.B. wenn sie von den extremen Schwierigkeiten mit der pubertierenden Tochter erzählt.
Das Buch liest sich leicht und unterhaltsam, hält viele kluge Gedanken und Beobachtungen bereit, aber auch manch Belangloses. Aus dieser privaten Geschichte lässt sich jedenfalls einiges über den Zustand unserer Gesellschaft herauslesen.
„Alleinruhelage“ hat nicht die Wucht und die erzählerische Kraft von Eva Menasses letztem Roman „Dunkelblum“, den man zu Recht als Opus Magnum ihres schriftstellerischen Schaffens bezeichnen kann. Aber auch dieses Mal beweist Eva Menasse, dass sie zu den klügsten und interessantesten Autorinnen der deutschsprachigen Literatur zählt.