Spannend gestartet, mit einem großen Aber im Hinterkopf

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
cc-san Avatar

Von

Okay, ich muss zugeben — ich wurde gepackt. Wirklich. Die ersten Seiten und ich war drin, keine Aufwärmphase nötig.
Der Einstieg ist klug gemacht. Kein langes Einführungskapitel, kein Worldbuilding-Dump, keine ellenlange Charaktervorstellung. Wir landen direkt in dem Moment, in dem Marissa merkt, dass irgendetwas fundamental falsch läuft, und Mara lässt diese Erkenntnis wachsen, ganz organisch, Telefongespräch für Telefongespräch. Der Satz „Die gewählte Rufnummer ist unbekannt" dreimal. Jedes Mal ein bisschen mehr Panik. Das funktioniert.
Was mich überrascht hat: Marissa ist eine Figur, der man schwer uneingeschränkt Sympathie entgegenbringt. Sie kennt Anas Adresse nicht. Sie hat die Referenzen nicht wirklich geprüft. Sie lässt ihr Kind mit einer fremden Textnachricht zu einem Playdate schicken, ohne vorher anzurufen. Das ist alles so menschlich und gleichzeitig so... na ja. Und ich finde das gut. Das ist kein Klischee-Opfer, das ist eine Person, die ihre eigenen Entscheidungen mitverantwortet. Ob der Text das später auch so sieht oder ob Marissa zur reinen Leidtragenden wird, ohne das je zu reflektieren, das wird entscheidend sein.
Die Jenny-Kapitel gefallen mir bisher sogar noch besser, ehrlich gesagt. Sarah Rayburns beiläufiger Rassismus gegenüber Ana ("Wir wissen nicht, wie jemand aus Peru denkt") und wie Jenny sprachlos wird und es dann doch nicht direkt anspricht, das ist so präzise beobachtet (und geht in die richtige Richtung wie ein Autor Rassismus nicht ignoriert, nicht plakativ belehrend nutzt sondern wirken lässt und damit grundlegend systematische gedankenanstösse liefern kann). Das fühlt sich richtig an. So läuft das.
Was ich noch nicht einschätzen kann: Was macht dieser Text mit Ana? Sie ist bisher nur als Abwesende da, als Rätsel, und ich hoffe sehr dass sie nicht zur Schuldigen wird, die "eben doch nicht so war wie erwartet." Das wäre das Schlechteste, was das Buch tun könnte.
Ich würde weiterlesen. Nicht weil ich überzeugt bin, sondern weil ich wissen will, ob Mara die Fragen die sie aufwirft auch wirklich stellt, oder ob sie sie mit einem neat little twist unter den Teppich kehrt.