Seltsam vertraut
Dieses Buch hat mich hinsichtlich einer Bewertung wahnsinnig ratlos zurückgelassen. Auf der einen Seite hat es sich total flüssig heruntergelesen, Sprache gefeilt fließend, Geschichten ausreichend spannend, vertraut, wohlig. Auf der anderen Seite war genau dieses Gefühl irgendwie sonderbar: Das Buch spielt nicht nur anfangs zu Beginn der 00er Jahre, es liest sich auch wahnsinnig wie ein Buch aus dieser Zeit. Assoziationen an z.B. Kurzgeschichten von Jostein Gaarder haben sich mir aufgedrängt, sowohl stilistisch als auch thematisch, und das ist jetzt keineswegs eine Beleidigung, denn ich habe diese Geschichten damals geliebt, aber es fühlt sich dadurch auch sonderbar "unmodern" an, gerade angesichts der jungen Autorin. Die letzte Geschichte löst zwar auf, warum sie "so weit" in der Vergangenheit ansetzen muss, aber ich habe mich durch das Buch hinweg nach etwas mehr "Modernität" für Sprache und Themen gesehnt. Teilweise blieben die verhandelten Konflikte eher oberflächlich und wurden nur lange auserzählt, hätten aber mit einem Satz zusammengefasst werden können. Und auch da springt jetzt meine innere Kritikerin wieder rein und denkt "ist doch nicht schlimm, es muss ja keineswegs Sinn von Literatur sein, mit jedem Satz etwas neues zu erzählen" - ich war nur irritiert, weil ich nicht glaube, dass die Autorin platte Aussagen wie "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht" treffen wollte. Auch hätte ich die Geschichten vermutlich nicht unter dem Aufhänger der "Liebe" versammelt, aber vielleicht oute ich mich damit auch, dass ich den ganzen Hintergrund des Buches nicht verstanden habe. Insgesamt ein Buch, was mich trotz oder wegen sehr guter Lesbarkeit mit einem zu vertrauten / hab ich schonmal so gelesen - Gefühl zurück lässt, was ich einfach nur ein bisschen schade finde, weil ich Ronja von Rönne durchaus mehr Experimentierfreude und Frische zutraue.