Das Haus auf dem Karst

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biancaneve_66 Avatar

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Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Alma in ihre Heimatstadt Triest zurück - eine Stadt an der Grenze zwischen Ost und West. Hier begegnet sie Vili wieder, ihrer Jugendliebe, der ihr nun das väterliche Erbe übergeben soll. Zwischen den Erinnerungen an die Habsburger Kaffeehäuser ihrer Großeltern, an endlose Kindheitssommer und die Straße gen Osten, auf der ihr Vater einst immer wieder verschwand, wird Alma mit Fragen nach Herkunft, Liebe und Identität konfrontiert. Und da ist auch der Schatten des Krieges jenseits der Grenze, der ihre Liebe zu Vili vor vielen Jahren erschüttert hat ...
Das Cover lässt eher ein beschauliches Urlaubsabenteuer als diese tiefgreifende Geschichte erwarten. Die großen Abschnitte Insel, Stadt, Krieg und Erbe sind in Kapitel unterteilt. Die Sätze sind meist lang und verschachtelt, die Sprache insgesamt sehr bildhaft und fesselnd. Wenige eingestreute Schwarz-Weiß-Fotos bestärken den Wahrheitsgehalt der Geschichte.
Die Rahmenhandlung umfasst gerade einmal drei Tage, die Alma, 53, nach vielen Jahren in ihrer Heimatstadt Triest und auf Insel der Kommunisten verbringt. Vor dem Hintergrund dieser Gegenwartsschiene blickt die Protagonistin auf ihre Kindheit und Jugend zurück. Dabei vermeidet die Autorin konkrete Jahreszahlen, Namen oder Ortsbezeichnungen; daher kommt es zu etlichen Zeitsprüngen und oft werden die Geschehnisse nicht konkret beschrieben, sondern nur leicht angedeutet. Selbst Situationen, die sich auf den (Balkan-)Krieg beziehen, werden meist nicht konkret ausgeführt, sondern eher nur in bedrückenden Bildern dargestellt. Und gerade dieses Ungesagte und diese Ungewissheit machen das Thema Krieg dadurch sehr beklemmend und auch gar nicht mehr auf eine bestimmte geografische Region beschränkt.
Der erste Roman von Federica Manzon, der auch in die deutsche Sprache übersetzt wurde, ist keine leichte Kost, denn die Geschichte erfordert Zeit. Die Ausnahmestellung der Stadt im Osten Italiens überträgt sich auf die Menschen, die dort leben. Die Zerrissenheit durch unterschiedliche Volksgruppen und Kulturen ist daher auch Teil von Almas Charakter. Ihr Leben ist genau wie das ihres Vaters von Unrast geprägt. Historische Kenntnisse können beim Lesen durchaus von Vorteil sein, andererseits gilt auch hier: wer genau hinsieht, kann die verschiedenen Situationen auch auf andere Orte oder Zeiten übertragen und daraus seine Schlüsse ziehen. Kriege entstehen nicht von heute auf morgen; Beziehungen und Missverständnisse zwischen Menschen ebenso wenig.
Manzon ist mit diesem Buch ein Roman gelungen, der die Themen Zugehörigkeit, Identität, Erinnerung und Verlust in leise, aber sehr wirkungsvolle Worte zu verpacken.