Die Frage der Zugehörigkeit

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bartie Avatar

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Der neueste Roman von Federica Manzon erzählt die Geschichte von Alma, einer Journalistin, die in Triest, einer zwischen den verschiedenen Völkergruppen, Sprachen und Kulturen zerrissenen Stadt, aufgewachsen ist.
Und so wurden auch Almas Kindheit und ihre Erziehung auf unterschiedliche Weise geprägt: von ihren Großeltern mütterlicherseits, Intellektuellen, die im Geiste der österreichisch-ungarischen Kultur weiterlebten; der chaotischen Mutter, die zwar Kunstgeschichte studiert hatte, aber den Haushalt nicht führen konnte und den geheimnisvollen Vater, der den Marshall Tito persönlich kannte und immer wieder Richtung Osten verschwand. Auch Vili, der Sohn der regierungskritischen Eltern, den der Vater von einer seinen Reisen nach Hause mitbrachte, beeinflusst Almas Ansichten auf die eigene Identität und Zugehörigkeit, und stürzt ihre Gefühlswelt in Chaos.

Almas Lebensgeschichte ist sehr eng mit der Geschichte ihrer Heimatstadt Triest und des ehemaligen Jugoslawiens verwoben. Beide Geschichten nehmen dramatische Züge an, als der kommunistische System zusammenbricht und der Krieg in Jugoslawien ausbricht. Schonungslos schildert Federica Manzon die Schrecken des unbarmherzigen Bruderkrieges, schreibt über Massaker in Vukovar und Srebrenica, über Besatzungen, Vertreibungen und Flüchtlingsströme. Die sprachlichen Bilder des Krieges wirken erschreckend authentisch, rütteln wach:

„Wie kann es sein, dass sich Millionen Männer fügsam Raketenwerfer oder ein Gewehr oder ein Messer in die Hand drücken lassen und losziehen, um ihre Freunde, Cousins, Schulkameraden umzubringen….“ (226)

Eine Frage, welche in Anbetracht der aktuellen weltpolitischen Lage weiterhin von großer Bedeutung ist.

Der Roman „Alma“, in einer literarisch anspruchsvollen Sprache erfasst, ist keine leichte Lektüre. Das flüssige Lesen wurde durch die zahlreichen Zeitsprünge (die Erzählung erfolgt nicht chronologisch) und ständiges Ortwechsel zusätzlich erschwert. Von großem Vorteil sind die Grundkenntnisse über die Geschichte der Stadt Triest und über den Jugoslawienkrieg, welche zu besserem Verständnis dieser anspruchsvollen Geschichte enorm beitragen können. Auch eine chronologische Auflistung der Ereignisse und eine entsprechende Karte wären sehr hilfreich.

Für das Lesen des Romans sollte man sich viel Zeit nehmen; das Eintauchen in diese Geschichte lohnt sich, denn sie hallt lange nach.