Ein Buch mit Ecken und Kanten
Dieser Roman ist kein leichtes oder gefälliges Buch. Er ist rau, stellenweise auch etwas schroff genauso wie die Figuren. Die Hauptfigur Alma, geboren in Triest, an der Grenze zu Slowenien, einer Stadt zwischen Ost und West. Ich bin mir gar nicht sicher, ob der Stadtname Triest an irgendeiner Stelle erwähnt wird. Viel mehr ist die geographische Lage zwischen Ost und West ausschlaggebend für die Entwicklung, den Takt und auch, oder ganz besonders, für den Charakter ihrer Figuren. Ein sehr wichtig er Baustein der Geschichte ist die Beziehung Almas zu ihrem Vater, einem Grenzgänger im wahrsten Sinne des Wortes. Er scheint weder bei seiner Familie noch in der Ferne so richtig zu Hause zu sein. Als die politischen Verhältnisse sich ändern, findet sich Almas Vater nicht mehr zurecht. Noch schlimmer wird es nach Ausbruch des Krieges im ehemaligen Jugoslawien. Zweitwichtigste Beziehung ist die zwischen Alma und dem jungen Vili, der als Kind in ihre Familie kommt und zu dem sie zeitlebens ein sehr enges, wenn auch zwiespältiges Verhältnis hat. Ihre Jugendliebe, ihr bester Freund, vielleicht auch Seelenverwandter, auf der anderen Seite, aber auch Rivale und Gegner. Beide können nicht ohne einander aber auch nicht miteinander. Diese schwierige Beziehung zu den Männern ihres Lebens prägt auch Almas Gegenwart als Journalistin in der Hauptstadt. Aufgrund eines Erbes kommt sie nach Triest zurück und der Leser erlebt ihr Leben in Rückblenden. Dabei fällt es mir, ehrlich gesagt, etwas schwer, die zeitlichen Ebenen auseinander zu halten. Vielleicht fehlt mir hier der zeitliche, historische Kontext sowie der politische Hintergrund in ausreichender Tiefe. Das Buch setzt in diesem Punkt einiges voraus - Personen, Orte, Beziehungen werden teils nur angerissen oder in einer Randbemerkung genannt. Manche historischen Zusammenhänge lassen sich für mich so nur schwer in eine Zeitreihe bringen. Der Schreibstil ist direkt, rau und verstärkt so auch den rauen Charakter dieser besonderen Stadt zwischen Italien und Osteuropa, an der Grenze und zwischen verschiedenen Kulturen. Die sehr langen, meist recht verschachtelten Sätze, machen es zeitweise nicht leicht, dieses Buch zu lesen. Es ist aber auch kein leichtes Buch, sondern eines auf das man sich einlassen muss, das Ecken und Kanten hat und damit eine ganz besondere Atmosphäre ausstrahlt. Ich hätte mir etwas mehr Nähe zu den Figuren gewünscht, die seltsamerweise alle etwas auf Distanz bleiben. So schaut man eher als neutraler Beobachter auf das Leben von Alma, das stellvertretend für das Leben einer ganzen Generation, die in dieser Grenzregion aufgewachsen ist, steht. Als Leser lernt man sehr viel über die Geschichte Italiens, aber auch Sloweniens, Serbiens und Kroatiens. Ein eindringliches Buch.