Komplex

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pawlodar Avatar

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Der Leser wird in mehrfach herausfordernder Weise mit diesem Buch konfrontiert: Die Protagonisten verraten wenig über ihr Wesen und ihr Denken, erst die Lektüre des kompletten Textes ermöglicht es, ihr Profil, ihren Charakter zu erkennen. Die historischen Zusammenhänge, die in Südosteuropa zu den politischen Ereignissen gegen Ende des 20. Jahrhunderts führten, sind nicht mehr unbedingt Allgemeingut im Bewusstsein der Leserschaft, wiederholte Recherche-Anstrengungen sind erforderlich, will man die atmosphärisch dichten Schilderungen des Romans mit den konkreten Ereignissen abgleichen. Auch das Konsultieren einer Landkarte erleichtert das Verständnis der komplexen, durch Zeitsprünge und Schauplatzwechsel charakterisierten Romanhandlung.

Wenn der Leser jedoch diese Herausforderungen annimmt, wird er mit einer Lektüre belohnt, die ungemein bereichernd ist: Zerrissenheit im Inneren wie im Äußeren, ein dauernder Kampf um eine immer wieder in Frage gestellte Identität, Grausamkeit und Menschenverachtung auf Seiten der Mächtigen ebenso wie bei denen, die vom Strudel der Ereignisse einfach mitgerissen wurden. Die deutsche Übersetzung kultiviert einen einerseits schwebenden Tonfall, poetisch, doch präzise, erspart dem Leser aber auch nicht die Unmenschlichkeit eines Kriegsgeschehens mitten in Europa.

Der Verlag hätte durch eine knappe Zeittafel und eine skizzierte Landkarte die Lektüre enorm erleichtern können; es steht zu befürchten, dass manch potenzieller Leser durch diese äußeren Verständnishürden um ein hochbefriedigendes Leseerlebnis gebracht wird, weil er womöglich vor den Anforderungen dieses komplexen Romans die Waffen streckt.