Schwermütige Flucht vor den Schatten der Vergangenheit

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Federica Manzon gelingt in "Alma" eine stille, dabei erstaunlich kraftvolle Studie über Schwermut, Erinnerung und mutige Gegenwart. Die Protagonistin Alma trägt ihr ganz eigenes Dunkel durchs Leben. Schon früh spürt man die Last der Kindheit, die Alma in den 1970er-Jahren begleitet, unbeachtet von den Eltern, der Mutter, die einer Familie der Großbourgeoisie im italienischen Triest entspringt, einen Jugoslawen heiratet und die Brücken zu ihrer Vergangenheit abbricht. Der Vater, der Alma vergessen kann, wenn er einen Ruf hört, sie für Stunden währende eines Ausfluges ins nahe Jugoslawien sich selbst überlässt, auf der Insel, auf der Tito residierte. Die Erinnerungen an eine Kindheit mit wenig Wärme, Leere, die sich wie ein feiner Nebel verfestigte, ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch, das auf fast allen Seiten Schwermut atmet und eine ganz besondere Welt im tiefsten Osten Italiens, verbunden mit kleinen Berührungen des Balkans, eröffnet.
Der nebulöse Vater, der immer wieder zu verschwinden scheint, fungiert als widersprüchliche Mitte des Romans: Er bleibt eine Figur voller Versprechen und Versäumnisse zugleich, jemand, der offenbar nie ganz da ist, aber dennoch die Richtung bestimmt. Die Unstetigkeit des Vaters formt Alma, macht ihre Welt nicht weniger real, sondern vielschichtiger: Sie ist ständig zwischen Anwesenheit und Abwesenheit verortet, und dieser Spannungsbogen treibt die Handlung voran, ohne dass man der Versuchung erliegt, alles zu erklären. Der Vater wird zu einem Symbol dafür, wie man sich dem Leben verweigert, ohne jemals wirklich zu gehen – und damit zur Metapher für die Angst, die sich hinter jeder Tür versteckt, vor dem, was kommen könnte.
Alma flieht nicht nur vor ihrer Familie, sondern vor dem Leben selbst – vor den Chancen, dem Schmerz, der Verantwortung. Die Flucht wird zu einem Sinnbild ihres Vaters: Ein Mann, der weder die Kraft für die eigene Familie noch einen Ansatz von Stetigkeit findet, der Alma im Stich lässt und damit auch sie zu einem unsteten Leben verdammt. Der Roman zeigt zugleich, wie schwierig es ist, dem eigenen Schatten zu entkommen: Wer so lange vor sich selbst wegläuft, läuft am Ende vor dem eigentlichen Leben davon. Alma wird zu einer vielschichtigen Figur, die sich von ihrer Familiengeschichte emanzipieren muss, um ins eigene Leben zu treten - ein sensibler, nachdenklicher Roman, der lange nachklingt.