Vielschichtiger Familienroman

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Das sommerliche Cover gibt eine malerische Kulisse mit zwei jungen Personen wieder, doch der Romaninhalt erzählt umfangreich vom politischen Zerfall Jugoslawiens mit der italienischen Stadt Triest im nahen Grenzbereich gelegen. Europäische Geschichte zur Zeit Titos und der nachfolgende Bürgerkrieg um Sarajewo, Vukovar und Srebrenica mit all den Brutalitäten an der Zivilbevölkerung bilden den Hintergrund für die Lebensgeschichte von Alma, der Journalistin und Vili, dem Fotografen, beide auf der lebenslanger Suche nach Identität, Zugehörigkeit und Sicherheit. Aus Almas Rückschau wird über das großbürgerliche Leben ihrer gut situierten Großeltern mit Habsburger Ambiente erzählt, wenig über ihre in der offenen Psychiatrie Franco Basaglias arbeitende Mutter. Almas Vater, ein zwischen Ost und West wandernder, unruhiger Slawe, Titos Reden-Schreiber, prägt ihre Kindheit zwischen der dortigen Sprachenvielfalt sehr. Mit ihm zieht auch der 11-jährige Vili, Sohn seines Freundes aus Belgrad, einem Dissidenten, für immer nach Triest in ihr Elternhaus. Beider Erwachsen-Werden pendelt zwischen Ablehnung, Verliebtheit und unfreiwilligem Wiedersehen nach dem Versterben ihres Vaters. Sein Erbe enthält z.B. auch ihre Zeitungsartikel, ihre Akte, Fotos, sein von kritischen Seiten bereinigtes Notizbuch. Seine Wurzeln, überhaupt seine Vergangenheit bleiben weiterhin vor ihr verschlüsselt wie auch vieles von Vilis Taktieren besonders während der Prozesstage am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag mithilfe seiner Fotografien.
In Triest, in der Stadt der Irren, zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen verortet, zu nahe an kommunistischen Systemen angrenzend, in dieser ehemaligen Grenzstadt am Eisernen Vorhang, in ihrer Heimatstadt fühlt sich Alma nicht verwurzelt, sondern wie ihr Vater als Außenseiterin haltlos herumwandernd, selbst mit 53 Jahren noch.
Die Schilderungen zu den Kriegsereignissen in Belgrad, an der Drina etc. sind sehr drastisch und beängstigend. Der geschichtliche Hintergrund jedoch hätte gerne umfassender sein können. Zu den Schwarz-Weiß-Fotos im Buch selbst wären Informationen dazu hilfreich gewesen.