Berührend!

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mamijojale Avatar

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„Alte Pfade“ von Alexa Hennig von Lange ist für mich eines dieser leisen Bücher, die gar nicht laut werden müssen, um etwas auszulösen.

Liliane macht sich auf den Weg nach Schottland, nachdem ihr fast 90-jähriger Vater dort während einer Wanderung einen Herzinfarkt erlitten hat. Eigentlich möchte sie ihn einfach nur nach Hause holen. Doch ihr Vater denkt gar nicht daran, seine Wanderung abzubrechen. Also bleibt Liliane nichts anderes übrig, als ihn auf seinem Weg durch die schottischen Highlands zu begleiten.

Und genau diese Wanderung wird zu einer Reise, die weit über die Landschaft Schottlands hinausführt.

Denn zwischen Vater und Tochter ist vieles unausgesprochen geblieben. Während sie gemeinsam unterwegs sind, kommen Erinnerungen hoch, werden alte Wunden sichtbar und Liliane beginnt, ihren Vater mit anderen Augen zu betrachten. Nicht mehr nur als den Vater, den sie aus ihrer Kindheit kennt, sondern als einen Menschen mit seiner eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen, Verletzungen und Entscheidungen.

Das hat mich beim Lesen besonders beschäftigt. Wie gut kennen wir unsere Eltern eigentlich wirklich? Wir kennen sie als Mutter oder Vater, kennen bestimmte Seiten, Gewohnheiten und vielleicht auch ihre schwierigen Eigenschaften. Aber was wissen wir über den Menschen, der sie waren, bevor wir Teil ihres Lebens wurden? Und wie viel von ihrer Geschichte tragen wir selbst in uns, ohne es überhaupt zu bemerken?

Alexa Hennig von Lange erzählt diese Annäherung sehr ruhig und feinfühlig. Dabei wird nichts schnell aufgelöst oder einfach glattgebügelt. Manche Dinge bleiben schmerzhaft, manches lässt sich nicht rückgängig machen. Trotzdem entsteht nach und nach ein neues Verständnis füreinander.

Besonders gefallen haben mir die Rückblicke und die kleinen Puzzleteile aus der Familiengeschichte. Erst nach und nach ergibt sich ein Bild dieses Vaters, der lange so unnahbar und schwer zu verstehen scheint. Gerade dadurch hatte die Geschichte für mich eine besondere Tiefe.

Und dann ist da natürlich Schottland. Die Beschreibungen der Highlands haben mir unglaublich gut gefallen. Rau, weit, einsam und gleichzeitig wunderschön. Die Landschaft wird dabei fast zu einer eigenen Figur und passt wunderbar zu dieser Geschichte, in der ebenfalls so vieles offen, unwegsam und schwer zugänglich ist.

Ich mochte diesen melancholischen, stillen Ton sehr. „Alte Pfade“ ist kein Roman, der mit großen Wendungen arbeitet, sondern einer, der sich langsam entfaltet und dabei immer mehr nachwirkt.

Nicht mit allen Figuren bin ich gleichermaßen warm geworden und gerade Liliane hat es mir anfangs nicht ganz leicht gemacht. Aber vielleicht passte genau das zu dieser Geschichte: Auch hier braucht es Zeit, um hinter das Offensichtliche zu schauen.

Für mich ist „Alte Pfade“ vor allem eine berührende Geschichte über Eltern und Kinder, über das, was wir voneinander wissen und was uns trotzdem verborgen bleibt. Über Verletzungen, Prägungen, Vergänglichkeit und die Möglichkeit, einem Menschen nach vielen Jahren noch einmal ganz neu zu begegnen.

Ein ruhiger Roman, der mich mehr als einmal über meine eigene Familie und die Geschichten hinter den Menschen, die wir zu kennen glauben, nachdenken ließ.