Ein Vater, eine Tochter und ein letzter Weg

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igraine78 Avatar

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Als Lilianes fast 90-jähriger Vater während einer Wanderung durch die schottischen Highlands einen Herzinfarkt erleidet, will sie ihn unbedingt nach Hause bringen. Doch er besteht darauf, seinen Weg fortzusetzen, der für ihn eine besondere Bedeutung hat. So begleitet Liliane ihn und beide kommen sich in der eindrucksvollen Landschaft noch einmal ganz neu und intensiv nahe.

Lilianes Vater ist eine beeindruckende Persönlichkeit: Mit 89 Jahren ist er körperlich zwar gebrechlich geworden, besitzt aber noch immer seinen ausgeprägten Eigensinn und seinen festen Willen. Sein ganzes Leben lang hat er gelernt, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Nach dem Selbstmord seiner Frau musste er funktionieren – für sich selbst und seine Familie. Nun, auf der Wanderung durch die Highlands, beginnt er sich langsam zu öffnen. In den kurzen, immer wieder eingestreuten Gesprächen mit seiner Tochter werden Erinnerungen lebendig und Dinge ausgesprochen, die jahrzehntelang zwischen ihnen standen.
Besonders berührend ist dabei der liebevolle Umgang zwischen Vater und Tochter. Beide Figuren sind klar und glaubwürdig gezeichnet und wachsen einem als Leser schnell ans Herz. Während Liliane versucht, ihren Vater zu verstehen, setzt sie sich gleichzeitig intensiv mit ihrem eigenen Leben auseinander: mit ihrer Rolle als Tochter, Mutter und Ehefrau und mit der Frage, wie stark ihr Vater ihre Persönlichkeit und ihre Entscheidungen geprägt hat. Fernab ihres gewohnten Alltags und umgeben von einer überwältigenden, unberührten Landschaft beginnt sie, ihr bisheriges Leben aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Dabei lernt sie von ihrem Vater eine wichtige Erkenntnis: Letztlich muss jeder Mensch selbst entscheiden, was ihn glücklich macht.
Die schottischen Highlands werden von Alexa Hennig von Lange sprachgewaltig und eindrucksvoll beschrieben. Die Landschaft ist dabei weit mehr als eine Kulisse. Sie vermittelt Freiheit, Weite und eine gewisse Zeitlosigkeit und bildet einen starken Kontrast zu den immer wieder aufbrechenden Erinnerungen der beiden. Gerade das Zusammenspiel aus ausführlichen Landschaftsbeschreibungen und den kurzen, intensiven Vater-Tochter-Gesprächen macht den Roman zu einem echten Pageturner.
Auch das Ende hat mich sehr berührt. Bereits zu Beginn deutet die Autorin an, wohin der Weg des Vaters führen wird. Dadurch schließt sich am Ende ein Kreis. Sein selbstbestimmter Weg entspricht dem, was er sich für sich selbst gewünscht hat, und ermöglicht es schließlich auch Liliane und ihrem Bruder Georg, ihren Frieden mit ihm und seinen Entscheidungen zu finden.
Lediglich die Begegnung mit einer scheinbar zufällig auftauchenden Figur in einem der letzten Kapitel und der daraus entstehende kurze Twist wirkten auf mich etwas zu konstruiert und wenig realistisch. Dieser kleine Kritikpunkt fällt angesichts der insgesamt sehr stimmigen und berührenden Geschichte jedoch kaum ins Gewicht.
Alte Pfade ist für mich vor allem ein Roman über Nähe, Abschied und Selbstbestimmung. Er erzählt davon, wie sich ein Vater und eine Tochter auf einem gemeinsamen Weg noch einmal begegnen, aber auch davon, wie schwer es sein kann, sich von den Vorstellungen und Erwartungen der eigenen Eltern zu lösen. Eine berührende Geschichte über den letzten Weg eines außergewöhnlichen Menschen – und über die Frage, wie viel von unseren Eltern in uns weiterlebt.