Manche Wege führen nicht nach Norden, sondern zurück
Manchmal muss man einem Menschen bis ans Ende der Welt folgen, um ihm endlich wirklich zu begegnen. Bei Liliane ist es ausgerechnet ihr 89-jähriger Vater, der sie auf diesen ungewöhnlichen Weg zwingt: Nach einem Herzinfarkt in den schottischen Highlands will er keineswegs zurück ins sichere Zuhause. Er will weiter. Genau dorthin, wo er als junger Mann schon einmal unterwegs war. Und Liliane, frisch geschieden und eigentlich gerade erst dabei, ihr eigenes Leben neu zu sortieren, bleibt nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
So beginnt eine Wanderung, die schnell zu etwas ganz anderem wird als einer Reise durch die raue schottische Landschaft. Zwischen Wind, Einsamkeit, Feldsteinhütten und körperlicher Erschöpfung brechen nach und nach die verschlossenen Türen einer Familiengeschichte auf. Der Vater erzählt von seiner Kriegskindheit in Potsdam, vom Verlust seiner Frau und Lilianes Mutter, von einem Leben, über das bisher vieles unausgesprochen geblieben ist.
Dabei ist besonders schön, wie die äußere Landschaft und die innere Reise ineinandergreifen. Jeder zurückgelegte Kilometer scheint ein Stück Vergangenheit freizulegen. Liliane begegnet ihrem Vater dabei neu – und muss gleichzeitig erkennen, wie viel von seiner Härte, seinen Vorstellungen und seinen alten Mustern in ihrem eigenen Leben weiterlebt. Vor allem ihre Beziehungen zu Männern und ihr Verhältnis zu ihrem Sohn erscheinen plötzlich in einem anderen Licht.
Alexa Hennig von Lange erzählt diese Annäherung nicht geradlinig. Erinnerungen tauchen auf, verschwinden wieder, neue Puzzleteile kommen hinzu. Dadurch entsteht das Bild einer Familie, deren Geschichte lange aus Lücken, Missverständnissen und unausgesprochenen Verletzungen bestanden hat. Die „alten Pfade“ sind deshalb ein treffendes Bild: Es geht nicht nur um einen früheren Wanderweg, sondern um die Wege, die Menschen innerhalb einer Familie immer wieder gehen – manchmal, ohne zu bemerken, dass sie dabei alte Muster wiederholen.
Besonders atmosphärisch sind die Highlands. Sie sind hier nicht bloß pittoresche Kulisse, sondern fast ein stiller Gegenpart zu den beiden Figuren: weit, rau, einsam und unberechenbar. Die körperliche Anstrengung der Wanderung schafft zugleich einen Raum, in dem Gespräche möglich werden, für die im normalen Alltag offenbar nie der richtige Zeitpunkt da war.
Der Schreibstil bleibt dabei angenehm klar und unaufgeregt. Gerade dadurch können die emotionalen Momente wirken, ohne dass sie ständig dramatisch ausgestellt werden. Die Rückblicke fügen sich nach und nach zusammen und geben sowohl dem Vater als auch Liliane immer neue Konturen.
Emotional funktioniert der Roman dagegen gerade dort, wo er nicht versucht, Vergangenheit einfach ungeschehen zu machen. Es geht vielmehr um das späte Verstehen: darum, einen Menschen nicht nur als den Vater zu sehen, der er für einen selbst war, sondern auch als den jungen Mann, das Kriegskind und den verletzten Menschen, der er einmal gewesen ist.
Und vielleicht liegt darin die leise Stärke dieses Romans: Man kann die alten Pfade nicht zurücknehmen. Aber man kann irgendwann aufhören, sie immer wieder zu gehen.
Eine einfühlsame Vater-Tochter-Geschichte über Nähe, Distanz, Vergebung und die manchmal erstaunliche Möglichkeit, einen Menschen ganz am Ende doch noch neu kennenzulernen.
So beginnt eine Wanderung, die schnell zu etwas ganz anderem wird als einer Reise durch die raue schottische Landschaft. Zwischen Wind, Einsamkeit, Feldsteinhütten und körperlicher Erschöpfung brechen nach und nach die verschlossenen Türen einer Familiengeschichte auf. Der Vater erzählt von seiner Kriegskindheit in Potsdam, vom Verlust seiner Frau und Lilianes Mutter, von einem Leben, über das bisher vieles unausgesprochen geblieben ist.
Dabei ist besonders schön, wie die äußere Landschaft und die innere Reise ineinandergreifen. Jeder zurückgelegte Kilometer scheint ein Stück Vergangenheit freizulegen. Liliane begegnet ihrem Vater dabei neu – und muss gleichzeitig erkennen, wie viel von seiner Härte, seinen Vorstellungen und seinen alten Mustern in ihrem eigenen Leben weiterlebt. Vor allem ihre Beziehungen zu Männern und ihr Verhältnis zu ihrem Sohn erscheinen plötzlich in einem anderen Licht.
Alexa Hennig von Lange erzählt diese Annäherung nicht geradlinig. Erinnerungen tauchen auf, verschwinden wieder, neue Puzzleteile kommen hinzu. Dadurch entsteht das Bild einer Familie, deren Geschichte lange aus Lücken, Missverständnissen und unausgesprochenen Verletzungen bestanden hat. Die „alten Pfade“ sind deshalb ein treffendes Bild: Es geht nicht nur um einen früheren Wanderweg, sondern um die Wege, die Menschen innerhalb einer Familie immer wieder gehen – manchmal, ohne zu bemerken, dass sie dabei alte Muster wiederholen.
Besonders atmosphärisch sind die Highlands. Sie sind hier nicht bloß pittoresche Kulisse, sondern fast ein stiller Gegenpart zu den beiden Figuren: weit, rau, einsam und unberechenbar. Die körperliche Anstrengung der Wanderung schafft zugleich einen Raum, in dem Gespräche möglich werden, für die im normalen Alltag offenbar nie der richtige Zeitpunkt da war.
Der Schreibstil bleibt dabei angenehm klar und unaufgeregt. Gerade dadurch können die emotionalen Momente wirken, ohne dass sie ständig dramatisch ausgestellt werden. Die Rückblicke fügen sich nach und nach zusammen und geben sowohl dem Vater als auch Liliane immer neue Konturen.
Emotional funktioniert der Roman dagegen gerade dort, wo er nicht versucht, Vergangenheit einfach ungeschehen zu machen. Es geht vielmehr um das späte Verstehen: darum, einen Menschen nicht nur als den Vater zu sehen, der er für einen selbst war, sondern auch als den jungen Mann, das Kriegskind und den verletzten Menschen, der er einmal gewesen ist.
Und vielleicht liegt darin die leise Stärke dieses Romans: Man kann die alten Pfade nicht zurücknehmen. Aber man kann irgendwann aufhören, sie immer wieder zu gehen.
Eine einfühlsame Vater-Tochter-Geschichte über Nähe, Distanz, Vergebung und die manchmal erstaunliche Möglichkeit, einen Menschen ganz am Ende doch noch neu kennenzulernen.