Schottlands stille Wege

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janps Avatar

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Ich geb’s zu: In den ersten Kapiteln hab ich mit den Figuren gefremdelt. Jeder auf seine Art verschlossen, ruppig, kaum greifbar, ich hab mich gefragt, ob ich mit ihnen die nächsten 200 Seiten überhaupt aushalten möchte. Aber genau das hat sich als die Stärke des Buches herausgestellt. Je weiter man mitläuft, desto mehr legen sich die Schichten frei, warum Vater und Tochter so geworden sind. Und irgendwann, ich könnte nicht mal genau sagen an welcher Stelle, war der Kipppunkt: Ich hab diese kantigen, manchmal anstrengenden Menschen richtig gern gehabt und ihnen die ganze Wanderung über die Daumen gedrückt.
Worum es geht, ohne zu viel zu verraten: Ein Vater macht sich auf eine mehrtägige Wanderung durchs schottische Hochland, die er schon in seiner Jugend gegangen ist, seine Tochter begleitet ihn notgedrungen, da er die Wanderung unbedingt machen möchte und sie ihn in seinem hohen Alter und schlechten Gesundheitszustand nicht alleine wandern lassen möchte. Und was als unfreiwillige gemeinsame Tour beginnt, wird schnell zu einer Konfrontation mit allem, was seit Jahrzehnten unter der Oberfläche schwelt. Alte Verletzungen, Schuld, nicht ausgesprochene Dinge: der Weg zwingt sie förmlich, sich damit auseinanderzusetzen, weil es ja kein Ausweichen gibt, wenn man mitten im Nirgendwo ist.
Und weil ich selbst schon so oft in Schottland war und dieses Land einfach liebe, hat mich die Sprache, mit der die Landschaft eingefangen wird, fast umgehauen. Das Moor, das Wetter, das sich in einer Stunde komplett dreht, dieses eigentümliche, wunderschöne Licht, das es wohl nur in Schottland gibt. Ich hatte wirklich das Gefühl, nicht nur zu lesen, sondern mitzuwandern. Viele Sätze waren so lebendig geschrieben, dass sie in mir sofort Bilder von eigenen Wanderungen hervorgerufen haben und ich mich dabei ertappt habe wie ich in Tagträume abgeglitten bin.
Am Ende bleibt ein Buch, das nachhallt. Nicht laut, nicht mit großem Knall, sondern leise und hartnäckig, von der Art, bei der man noch tagelang an einzelne Szenen denkt.