Was bleibt, wenn die Welt einbricht

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
carola Avatar

Von

Schon der zweite Satz ist gewaltig.
Alma will in Antons Körper einfallen. Ein Bild, das keine Umwege kennt: nicht Anziehung, nicht Verliebtheit, sondern Einnahme. Wer liebt, besetzt. Die Sprache der Zuneigung und die Sprache der Besatzung fallen hier zusammen, lange bevor der Roman politisch wird. Ein Vorzeichen, unauffällig gesetzt.

Alma selbst ist dünnhäutig. Sie registriert, was andere übersehen, und fragt sich, ob Anton dieselbe Durchlässigkeit kennt. Ihre Liebe beginnt aus der Distanz.
Die beiden verlieren sich aus den Augen, leben weiter, doch Anton bleibt ihr im Kopf eingeschrieben. Sie folgt ihm digital, ein Ersatzkontakt, der Nähe simuliert, ohne Risiko zu verlangen.

Dann der Perspektivwechsel: Anton übernimmt die Erzählung, tritt aus der Beobachterrolle heraus in den Dialog. Ihr Wiedersehen in Berlin holt zurück, was beide für erledigt hielten.
Auch er hat sie nicht vergessen, erinnert sich an ihren Blick, der ihm damals zu viel wollte, und sucht nun selbst das Gespräch. Er im Master, sie im Bachelor, ein kleiner Statusunterschied, der die Ungleichzeitigkeit ihrer Wege markiert.

Ihre Begeisterungsfähigkeit steckt ihn an, unmittelbarer als jedes Argument.
Ständig kreuzen sich nun beiläufig ihre Wege, an jedem Ort. Ihr Blick trägt noch dasselbe Begehren wie zu Beginn, nur ist es nicht mehr das peinliche, unreife Verlangen von damals. Die Zeit hat es legitimiert.

Die Erzählung springt zurück zu Alma, zur erneuten Begegnung mit Anton, diesmal aus ihrer Wahrnehmung. Noch ist die Unsicherheit groß: Wird er wieder verschwinden? Sie verabreden sich, doch er bleibt verschlossen, öffnet sich ihr nicht.

Der Schauplatz wechselt in Antons jüdische Familie hinein. Eine gezügelte Gereiztheit liegt über dem Festessen, Geschichten werden angerissen, nie auserzählt. Der intellektuelle Ton der Familie ist körperlich spürbar.

Eine Liebe, die beginnt wie unzählige andere beginnen. Doch in diese Beziehung greift das Außen ein: der 7. Oktober, der Gazakrieg. Ob das Private dem Politischen standhält, ob dieses Glück überhaupt eine Chance bekommt, das ist die Frage, mit der ich weiterlesen möchte.