Die Zumutungen des Lebens

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romy_abroad Avatar

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Anton und Alma lernen sich bei einem Schüleraustausch in Frankreich kennen. Alma ist obsessed - man kann es nicht anders ausdrücken - doch Anton nimmt kaum Notiz von ihr. Oder vielleicht tut er nur so, doch jedenfalls passiert nichts zwischen den beiden, und eines Tages ist Anton verschwunden. Alma verfolgt sein weiteres Leben online aus der Ferne, beobachtet wie sich sein Instagram-Profil und sein Whatsapp-Bild über die Jahre verändern. Und eines Tages stehen sie sich wieder gegenüber, zufällig, bei einer Veranstaltung an der Uni. Sie erkennen sich sofort, kommen ins Gespräch, gehen gemeinsam Kaffee trinken und spazieren. Bald darauf wird aus Anton und Alma ein "wir", denn obwohl sie vieles trennt, gibt es so viel mehr, dass sie verbindet. Je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen, desto tiefer tauchen sie in die Welt des jeweils anderen ein. Anton kommt aus einer jüdischen Familie, sein Vater ist Amerikaner und arbeitet als Dozent, seine Mutter ist Kinderpsychologin. Anton kommt aus einem belesenen Haushalt - man ist woke und intellektuell. Dinner Parties und Besuche in der Synagoge haben Antons Kindheit geprägt. Alma hingegen ist in Berlin-Marzahn aufgewachsen, sie ist ein Scheidungskind, dem wenig vorgelesen wurde. Die Jahre, die sie mit ihrem Stiefvater Dirk und ihren beiden Halbgeschwistern unter einem Dach verbracht hat, haben die Beziehung zu ihrer Mutter zerrüttet. Obwohl diese versucht, sich Alma anzunähern, hält Dirks Verschwörungsglaube sie auf Distanz.
Aus diesen facettenreichen Gegensätzen entstehen immer wieder Konflikte und Missverständnisse, die Anton und Alma zu überwinden versuchen. Doch es gibt auch viel, was sie teilen: ihren Alltag, ihre Lebensrealität an der Uni, ihr Interesse an Literatur und Kultur. Trotzdem scheinen die Differenzen immer wieder durch Annahmen oder Meinungen hindurch, wie die Adern eines Blattes, die im Sonnenschein sichtbar werden.
Insgesamt fühlt sich "Anton und Alma" von Dana Vowinckel weniger an wie eine Geschichte über zwei Personen, sondern mehr wie eine Einladung, an deren Leben Teil zu haben und Zeugnis abzulegen. Zu bezeugen, dass Anton und Alma existieren, dass es zahllose Paare wie sie gibt, die Konflikte aushalten, Differenzen überwinden müssen. Die manchmal scheitern, an großen und an kleinen Dingen, die aber noch öfter Erfolg haben, zueinander finden, sich gegenseitig ein Zuhause sind. "Anton und Alma" ist keine Romanze, dafür sind Schmerz und Unglück zu omnipräsent. Wenn Anton oder Alma nicht gerade eine Lebenskrise durchmachen, fügen sie sich gegenseitig Kummer zu - nicht mit Absicht, sondern weil sie keine andere Wahl haben. Der Weltschmerz unserer Gegenwart will gefühlt werden, nur so ist ein Überleben möglich, nur so ist das Leben lebenswert.
Dana Vowinckel verpackt wirklich viele Themen in diesem Roman, doch es funktioniert. Denn sie tut das nicht, indem sie künstlich neue Schichten und Bedeutungsebenen einfügt, sondern indem sie freilegt, was es bereits gibt. Indem sie nichts ausspart, was Anton oder Alma beschäftigt. Beide sind Kind ihrer Eltern, Geschwister, Teil ihres Freundeskreises, Partner in einer Liebesbeziehung, Student oder Studentin, beste Freundin oder bester Freund, Angestellte und Teil einer spirituellen Gemeinschaft. Ihre verschiedenen Rollen und Beziehungen bereichern den Roman und lassen ein schier endloses Relief entstehen. Das hat mir besonders gut gefallen, weil die Leben von Anton und Alma dadurch auf eine sehr umfassende Art und Weise gezeichnet werden. Dazu trägt auch die Sprache bei, die Vowinckel verwendet. Sie ist unangestrengt, teilweise beinahe flapsig. Reich an Auslassungen und verkürzten Sätzen, die Raum für die eigene Interpretation lassen, und gleichzeitig eine gewisse Atemlosigkeit vermitteln.
Besonders beeindruckt hat mich das Ende des Romans. Ich werde hier natürlich nicht verraten, wieso oder weshalb, nur soviel: Ich war überrascht, und ich war erschüttert. Und doch war es das einzig mögliche Ende, im Rückblick ist mir das nun klar. Ich möchte "Anton und Alma" allen Leserinnen und Lesern ans Herz legen, für die ein Liebesroman erst durch Schwermut zu einem guten Buch wird, die erkennen, dass Höhen auch Tiefen brauchen. Denn all jene finden hier eine wunderbare Geschichte über zwei Menschen, ihre Beziehung und wirklich alles andere.