Ein sehr "heutiger" Roman - genial geschrieben

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corsicana Avatar

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Dana Vowinckel hat mit ihrem zweiten Roman ein wirklich herausragendes Werk verfasst. Sprachlich genial, atmosphärisch ganz nah an den Protagonisten und gleichzeitig so aktuell und immerwährend.

Auf den ersten Blick geht es um eine Liebesbeziehung. Auf den zweiten und dritten Blick geht zusätzlich noch um viel mehr: Um Klassismus, um Herkunft, um die Herausforderungen der heutigen Welt für junge Menschen und nicht zuletzt um die Rolle des Judentums in Deutschland. Das alles ist ziemlich viel. Doch die Autorin meistert die Themenvielfalt und insgesamt sind ja auch recht viele Seiten. Aufgrund der Sprache macht das Lesen immer Spaß, allerdings nicht aufgrund des Inhalts. Also definitiv kein Wohlfühlbuch und ich habe immer wieder lange Pausen eingelegt und insgesamt hat mir das erste Drittel am besten gefallen, danach wurde es (noch) tragischer, jedenfalls immer mal wieder. Zwischendurch gibt es so wunderschön eingefangene Situationen, die wahre Highlights sind und mit den geschilderten Problemen ein wenig versöhnen (ohne sie zu trivialisieren).

Und darum geht es:
Alma und Anton lernen sich schon während eines Schulausflugs in die Bretagne kennen. Sie fand ihn damals schon gut, er flüchtete schnell nach Hause, weil wohl die Gastfamilie judenfeindliche Bemerkungen gemacht hatte. Und Anton ist Jude. Dieses Muster zieht sich ein wenig durch den Roman. Anton und seine Familie sind zwar keine strenggläubigen Juden, doch irgendwie ist das Thema in Deutschland und auch in der Welt nun einmal immer da.

Als sich Alma und Anton in Berlin an der Uni wieder begegnen, entwickelt sich eine gewisse Anziehungskraft. Sie schlafen mal miteinander, dann ist wieder tage- oder meist wochenlang Funkstille. Eine "moderne" Beziehungsanbahnung also. Ich habe vor kurzem eine Studie gelesen, dass junge Menschen inzwischen erst einmal eine (auch längere) sexuelle Beziehung bevorzugen, bevor sie sich mit einem Menschen auf eine Beziehung einlassen. Also passen Alma und Anton hier komplett ins Bild. Ich selbst bin ja in den prüden 70er und 80er Jahren aufgewachsen, da war das irgendwie noch anders herum. Erst einigte man sich auf eine Beziehung und Wochen oder manchmal gar erst Monate später (kam ein wenig aufs Alter an..... und auf die Gelegenheiten) kam Sex. Hier im Roman gibt es eine Menge Sex. Manchmal festigt dies die Beziehung, manchmal nicht. Denn es gibt viele weitere Belastungen: Alma kommt aus einer komplizierten Patchwork-Familie, in der sie eher geduldet als geliebt wird. Und Antons Eltern streiten dauernd. Außerdem ist Antons Familie eher bildungsbürgerlich (Mutter Chefärztin an der Charité, Vater Literaturwissenschaftler) und kommt aus dem Westen Berlins, während Alma im Osten von Berlin aufgewachsen ist, eher so untere Mittelklasse. Ihr Stiefvater ist Weinhändler und eher so der Schwurbler-Typ, das zeigt sich später drastisch, als Corona kommt und das Leben verändert.
Alma wird irgendwann Halt im Judentum suchen (obwohl sie keine Jüdin ist) und Anton wird häufig und auch für länger in die USA gehen, um weiter zu studieren. Als dann der 7. Oktober kommt, stellt dies einen drastischen Einschnitt dar...

Ich hatte die Autorin bei einer Lesung bei Manulit in Köln kennengelernt, nach dem 7. Oktober und mit ihrem ersten Roman, der allerdings vor dem 7. Oktober geschrieben wurde. Damals schon hatte ich angenommen, dass sie für den Deutschen Buchpreis nominiert wäre. Sie sagte: Nein, aber ich finde es schön, dass Du mir das zutraust.
Hat also mit dem zweiten Roman geklappt. Verdientermaßen. Obwohl es kein Wohlfühlroman ist, hat er unbedingt einen Platz im Literaturhimmel und viele Preise verdient.