Es lohnt sich...
Es lohnt sich... aber es ist nicht ohne Mühe. Die gut 530 Seiten von Dana Vowinckels neuem Roman 'Anton und Alma' stehen auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis; Kritiker sind begeistert. Zunächst konnte ich die Begeisterung nicht teilen, weil es mir nicht so leicht war, in die Geschichte von Anton und Alma hineinzufinden. Dann aber stieg meine Begeisterung mit jeder Seite. Und am Ende finde ich den Roman ziemlich genial konstruiert. Auf der Inhaltsebene steht die Banalität des Alltags, das hin und her einer (beginnenden) Liebesbeziehung einem einschneidenden historischen Ereignis gegenüber - dem 17. Oktober 2023, der Terrorakt der Hamas. Anton ist Jude, fühlt sich aber nur wenig gebunden an seine Religion; Alma hat mit 'Bormann' den Nachnamen eines Nazi-Schergen. Anton entscheidet ohne vorherige Absprache mit Alma, nach NY zu gehen um dort seine Dissertation über die Chasaren zu schreiben, ein Volk, welches sich vor vielen Jahrhunderten angeblich dem Judentum angeschlossen hat; Alma trennt sich halbherzig von Anton, strebt allerdings in Antons Abwesenheit eine Konversion zum Judentum an, vielleicht auch, um ihm auf diese indirekte Weise wieder nahe zu sein. Auf der formellen Ebene wechseln sich Almas und Antons Erzählperspektive konsequent ab, bis dann dieser Perspektivwechsel mit Kapitel 151 für den Rest der Geschichte stoppt. Es geht um die Banalität von Ereignisabfolgen und dem Versuch, dem Geschehen einen Sinn zu verleihen, aus der einfachen Abfolge von Tagen eine Geschichte zu machen. "Für heute war die Geschichte erzählt. Morgen war ein neuer Tag, und er würde völlig willkürlich sein und zugleich das Resultat von allem, was vor ihm geschehen war. Morgen war sein Leben eine neue Geschichte. Heute war es diese." Unbedingte Leseempfehlung!!!