Großartig!

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lena-a Avatar

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Obwohl ich „Anton und Alma“ bereits vor zwei Wochen fertig gelesen habe, beschäftigt es mich nach wie vor. Meines Erachtens hat der Roman absolutes Verfilmungspotenzial und ist zurecht für den Deutschen Buchpreis nominiert. Vowinkel gelingt es, Themen rund um Beziehung, Klasse und Herkunft, Politik und Krieg geschickt miteinander zu verweben und nebenbei eine herzzerreißende Liebesgeschichte zu entwerfen.

Die Lesenden begleiten die Geschichte von Alma und Anton, die sich aus Schulzeiten kennen und zufällig Jahre später in Berlin aufeinander treffen und sich lieben lernen.

„Alma war für ein Anton wie ein Wort, das man nie gekannt hatte und das einem, nachdem man es gelernt hatte, auf einmal überall begegnete.“

Anton ist Jude, Alma nicht. Zudem ist Anton ganz anders als Alma aufgewachsen, was in ihrer Beziehung immer wieder zum Thema wird. Alma beschreibt seine Familie als „so mondän und gebildet“ und sammelt erste Berührungspunkte mit dem Judentum. Anfangs steht weniger die Religion als die Beziehung von Anton und Alma und ihre Herausforderungen im Alltag im Vordergrund. Die beiden Hauptcharaktere werden so authentisch und detailliert beschrieben, dass es gelingt, sich vollkommen in diese hineinzuversetzen. Beide sind auf ihre Art und Weise so liebenswürdig und durch das Offenlegen ihrer Unsicherheiten und Marotten werden Anton und Alma einem mit jeder Seite sympathischer, obgleich man ihre Handlungen nicht immer nachvollziehen kann. Gleichzeitig werden bereits im ersten Teil des Handlungsstrangs wichtige Fragen zum jüdischen Leben in Deutschland aufgeworfen, die sich besonders stark im Reflektieren Antons über den antisemitischen Anschlag in Halle widerspiegeln und in Fragen darüber, was es bedeutet Jude zu sein.

So erklärt er: „Er war kein Opfer. Er war amerikanischer Jude. Er war israelischer Jude. Er hatte keine Identitätsissues. Vielleicht war er nicht normal, aber er war ein normaler Jude. Ein normaler Jude zu sein, bedeutete, kaputt zu sein. Nicht normal zu sein. Es gab keine normalen Juden. Es gab kein normalen Juden, weil es keine normale Geschichte hab. Weil jeder Jude auf der Welt eine eigene, spezifische Beziehung zur Schoa hatte. Man konnte der Tatsache der Vernichtung nicht entkommen. Auch er nicht. Auch er hatte eine Beziehung zum Grauen, zum Schlimmstmöglichen, eine Beziehung zur Verwundbarkeit des eigenen Körpers, zu den Körpern der Vernichteten vor ihm.“

Die Beziehung zwischen Anton und Alma beginnt ins Wanken zu geraten, als Anton sich dazu entscheidet zum Studieren nach New York zu gehen. Alma findet in dieser für sie schwierigen Zeit in der jüdischen Gemeinde in Berlin. Alles ändert sich als das Attentat der Hamas auf Israel am 7. Oktober passiert.
„Heute war gestern. Auch morgen würde noch vorgestern sein, und übermorgen vorvorgestern. Jeder Tag der siebte Oktober.“

Besonders spannend fand ich, dass auch die generationellen Unterschiede thematisiert werden und die Herausforderungen, denen jüdische Personen begegnen, so besonders deutlich wurden. So kommt es oft zu Dialogen zwischen Anton und seinen Großeltern, die aus Frankreich in den 1930er Jahren zunächst in die Schweiz und dann nach Haifa zogen sowie seinen Eltern, Mutter Orna sowie sein amerikanischer Vatter Garry, in denen aktuelle politische Themen sowie die Haltung zum Judentum verhandelt werden.
„Er rief seinen Vater an ‚No innocents in Gaza‘ sagte Gary. ‚Es ist wie ein Tumor.‘ ‚Dad‘ sagte er ‚das sind Menschen da. Das sind Menschen.‘ ‚Es ist wie Dresden, Anton . Dresden musste auch befreit werden‘ sagte sein Vater. Sie schrien sich an und legten auf.“
Besonders in den generationenübergreifenden Dialogen hat mich der Roman sehr an die Serie „Die Zweiflers“ von David Hadda erinnert, die absolut empfehlenswert ist.

Der Roman ist eine Achterbahnfahrt der Emotionen und eine tieftraurige, authentische Liebegeschichte. Vowinkel hat den Zahn der Zeit getroffen und die Sorgen und Ängste der jungen Generation perfekt widergegeben. Den Krieg im Gazastreifen und den Angriff der Hamas behandelt Vohwinkel vorsichtig und sensibel, ohne Details auszusparen.

Besonders fasziniert hat mich, dass nicht Partei für eine Seite ergriffen wird. Sowohl das israelische als auch das palästinensische Leid werden thematisiert, aber an keiner Stelle gegeneinander aufgewogen, was besonders durch das geschickte Zusammenspiel der Charaktere und den klugen Dialogen zwischen diesen, gelingt.
„Anton hatte noch nie über Tunnel nachgedacht, jetzt dachte er über Tunnel nach. Schmieren an Synagogen. Getötete palästinensische Kinder in humanitären Zonen. Mütter, Väter, Schwestern, Tanten, Onkel, Omas.“

Letztlich ist die Geschichte von Anton und Alma nicht nur eine klassische Liebegeschichte, sondern vielmehr. Sie ist eine Geschichte vom Gehen, vom Verlassenwerden, vom Zurückkommen, vom Heimatfinden und Ankommen. Sie ist auch eine Geschichte über das Zweifeln, das Bangen und Hoffen, das Mutfinden und das Weitermachen.

Der Roman wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.