Klug, komplex und einnehmend

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Alma aus Biesdorf, hadert mit und schämt sich für ihre Identität und Familie aus der ehemaligen DDR. Anton aus einem bürgerlich-intellektuellen Milieu und einer jüdischen Familie, hat mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen. Zwei junge Menschen, die in völlig verschiedenen Milieus aufgewachsen und geprägt worden sind, und sich doch immer wieder begegnen und schließlich auch verlieben, dabei jedoch nicht weniger mit dem Einfluss ihrer Vergangenheit und Familien ringen.

Vom ersten (sehr distanzierten) Kennenlernen als Jugendliche während eines Schüleraustauschs in Frankreich, über die Wiederbegegnung als Studierende in Berlin, den Aufbau eines gemeinsamen Lebens, die Coronazeit und schließlich die Angriffe der Hamas mit den weitreichenden Folgen und der Eskalation des Krieges betrachtet der Roman Almas und Antons Geschichte und damit auch die jüngste Zeitgeschichte der vergangenen Jahre.

Für mich hat der Roman mehrere Ebenen, die die Autorin klug verschränkt. Da ist einerseits die Beziehung zwischen Alma und Anton, zwei junge Menschen, die nach ihrem Platz in der Welt suchen und im jeweilig anderen Halt finden, gemeinsam eine Insel gegen die Welt bauen. Ein sicherer Ort, der aber auch einschränken kann, was Anton trotz all der Liebe und Glück irgendwann spürt. Daneben ist das Thema Klasse zentral für das Verständnis der Figuren und ihrer Beziehung. Alma aus einem einfachen, eher bildungsfernen Milieu, geprägt durch die ehemalige DDR, Anton aus einem intellektuellen-bürgerlichen Elternhaus. Für Alma öffnet dies eine Welt, die sie sich kaum vorzustellen vermochte, für Anton gilt dies nicht weniger, jedoch nötigt ihm der Statusunterschied eine weitaus größere Lernkurve zum Verständnis seiner Partnerin ab. Antons Identität als Jude, vermittelt Religion als weitere Ebene. Was bedeutet Religion und wie unterschiedlich kann man sie in das eigene Leben integrieren? Für Alma ist es als Neuentdeckung über die Beziehung zu Anton eine Form von Halt, Routine und Zugehörigkeit, die ihr in ihrer Familie lange gefehlt hat. Für Anton ist es eine Identität und Schicksalsgemeinschaft, der er sich nie entziehen kann, prägt sein Leben jedoch primär über seine Identifikation als Jude, weniger in der täglichen Praxis. Verflochten in all dies ist auch die Thematik von Schuld und Verantwortung, die zwischen Alma, als entfernte Nachfahrin eines Naziverbrechers und Anton, aus einer jüdischen Familie, in der Beziehung im kleinen verhandelt wird. All das klingt viel, und wird doch von der Autorin in all seiner Komplexität ganz natürlich und ohne Überfrachtung in die Lebenswege Almas und Antons und ihre Beziehung eingewoben.

Einzig das Ende war für mich in seiner Intensität zu abrupt und im Vergleich zur restlichen Erzählung nicht ganz stimmig.

Die Hörbuchversion mit zwei Sprechenden, die jeweils Almas und Antons Perspektive in den jeweiligen Kapiteln ihre Stimme leihen, fand ich sehr gelungen und auch in dieser Form den Roman sehr empfehlenswert!