Romeo und Julia für Zillenials?
Anton Weiss und Alma Bormann: Beide kommen aus Berlin, lernen sich bei einem Schüleraustausch in Frankreich kennen, verlieren sich aus den Augen, treffen sich während des Studiums in Berlin wieder und verlieben sich. Anton kommt aus einer jüdischen Akademikerfamilie, Alma stammt aus einer Patchworkfamilie aus Biesdorf und doch finden sie zusammen, lieben sich und alles scheint gut, zillenial-romantisch, magisch. Anton bekommt das Angebot, einen PhD in New York zu machen und einem berühmten Schriftsteller dort zu assistieren - ein Angebot, das für ihn extrem verlockend ist, Alma jedoch verzweifeln lässt. Sie kann sich eine so lange Fernbeziehung nicht vorstellen und stellt Anton deshalb vor die Frage: sie oder NY. Anton wählt New York und forscht dort über den Massenübertritt der Chasaren im frühen Mittelalter zum Judentum. Anton ist nicht gläubig, obwohl jüdisch sozialisiert - Alma, die extrem unter der Trennung und unter Einsamkeit leidet, wendet sich nun dem Judentum zu, feiert jüdische Festtage mit einer Freundin, besucht die Synagoge, findet dort Halt und Geborgenheit und beginnt schließlich einen Konversionskurs.
Alles ändert sich mit dem 7. Oktober, dem Terrorangriff der Hamas auf Isreal. Anton ist völlig geschockt, hat Angst und Albträume, kann mit niemandem richtig sprechen, fühlt sich unverstanden in seiner eigentlich liberalen Haltung und kommt schließlich zurück zu Alma nach Berlin. Dort finden sie wieder zusammen; allerdings bringt Alma es nicht über sich, Anton von ihrem Giur-Kurs zu erzählen. Dies nimmt Anton, als er zufällig davon erfährt, als Vertrauensbruch wahr und die beiden wohnen zwar noch zusammen, Anton kann aber kein Verständnis für Alma aufbringen. Wie der Roman endet, soll hier nicht gespoilert werden, vielleicht so viel: Er endet nicht in einem Happy end, ganz im Gegenteil. Andererseits endet er auch nicht in völliger Verzweiflung, sondern mit einem versöhnlichen, schönen Gedanken, der zurückgreift auf eine vorherige, wunderbare Stelle im Roman, an der Alma Anton Gadamer erklärt. Hach.
Was ich gut fand:
- dass der Roman extrem lang ist. Ich liebe es, einige Tage mit den Figuren leben zu können.
- dass sowohl Alma als auch Anton avid readers sind. Wie Alma sich freut, dass Anton liest!
- dass es immer wieder intertextelle Verweise gibt (Alma schreibt Anton "Zähle die Mandeln" von Paul Celan auf). Sehr interessant fand ich auch, dass wir als Leser*innen immer wieder Auszuüge aus wissenschaftlichen Texten sehen, die Anton für seine Doktorarbeit liest. Der amerikanische Historiker Hayden White beschäftigt sich mit Geschichtsschreibung und stellt die These auf, dass Geschichte oft durch Geschichten vermittlet wird und zwar in diesen erzählerischen Formen: Romanze, Komödie, Satire, Tragödie. Mein Eindruck war, dass Antons Überlegungen bzw. Antons Lektüre für die Doktorarbeit oft wie ein Spiegel funktioniert hat, der das Romangeschehen reflektiert. Ich habe also beim Lesen immer wieder überlegt: An welcher Stelle sind wir gerade - der Beginn des Romans ist klar eine Romanze, dann gibt es einen Teil, der komische Züge trägt, und einen, der an Satire erinnert. Und am Ende gibt Verweise auf ein Tragödie.
- dass der Roman von jüdischem Leben in Berlin (und den USA) erzählt. Es wäre so cool, wenn noch mehr Romane das tun würden.
Aus meiner Sicht vermittelt der Roman, dass jüdisches Leben und jüdische Identitäten vielfältig sind, dass Vielfalt etwas Gutes ist, dass Dinge komplexer werden, je genauer man sie ansieht, und dass es in Bezug auf Isreal/Gaza keine einfachen Antworten gibt. Das ist so wichtig und ich finde, Dana Vowinckel hätte allein dafür den Dt. Buchpreis verdient.
Ich würde "Anton und Alma" Menschen empfehlen, die Max Czolleks "Desintegriert euch" oder Hengameh Yaghoobifarahs "Eure Heimat ist unser Albtraum" interessant fanden. Ich glaube, Leser*innen, die Olga Grjasnowas "Der Russe ist einer, der Birken liebt" mochten, werden "Anton und Alma" wahrscheinlich auch schätzen.
Vielen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar!
PS. Lieber Suhrkamp-Verlag, einen Kaffee trinken möchte ich mit keiner der Romanfiguren, strange Vorstellung (aber ich würde mich freuen, wenn das/dass-Fehler in der zweiten Auflage vielleicht behoben wären). Wenn ich könnte, würde ich Dana Vowinckel fragen, was sie damals von der Biller-Czollek-Debatte hielt, wie es zum Titel kam (der mich erstaunt hat, weil er recht traditionell klingt, ganz anders als das leicht skurile "Gewässer im Ziplock") und ob sie diesen Roman auch als Liebeserklärung an jemanden oder etwas versteht.
Alles ändert sich mit dem 7. Oktober, dem Terrorangriff der Hamas auf Isreal. Anton ist völlig geschockt, hat Angst und Albträume, kann mit niemandem richtig sprechen, fühlt sich unverstanden in seiner eigentlich liberalen Haltung und kommt schließlich zurück zu Alma nach Berlin. Dort finden sie wieder zusammen; allerdings bringt Alma es nicht über sich, Anton von ihrem Giur-Kurs zu erzählen. Dies nimmt Anton, als er zufällig davon erfährt, als Vertrauensbruch wahr und die beiden wohnen zwar noch zusammen, Anton kann aber kein Verständnis für Alma aufbringen. Wie der Roman endet, soll hier nicht gespoilert werden, vielleicht so viel: Er endet nicht in einem Happy end, ganz im Gegenteil. Andererseits endet er auch nicht in völliger Verzweiflung, sondern mit einem versöhnlichen, schönen Gedanken, der zurückgreift auf eine vorherige, wunderbare Stelle im Roman, an der Alma Anton Gadamer erklärt. Hach.
Was ich gut fand:
- dass der Roman extrem lang ist. Ich liebe es, einige Tage mit den Figuren leben zu können.
- dass sowohl Alma als auch Anton avid readers sind. Wie Alma sich freut, dass Anton liest!
- dass es immer wieder intertextelle Verweise gibt (Alma schreibt Anton "Zähle die Mandeln" von Paul Celan auf). Sehr interessant fand ich auch, dass wir als Leser*innen immer wieder Auszuüge aus wissenschaftlichen Texten sehen, die Anton für seine Doktorarbeit liest. Der amerikanische Historiker Hayden White beschäftigt sich mit Geschichtsschreibung und stellt die These auf, dass Geschichte oft durch Geschichten vermittlet wird und zwar in diesen erzählerischen Formen: Romanze, Komödie, Satire, Tragödie. Mein Eindruck war, dass Antons Überlegungen bzw. Antons Lektüre für die Doktorarbeit oft wie ein Spiegel funktioniert hat, der das Romangeschehen reflektiert. Ich habe also beim Lesen immer wieder überlegt: An welcher Stelle sind wir gerade - der Beginn des Romans ist klar eine Romanze, dann gibt es einen Teil, der komische Züge trägt, und einen, der an Satire erinnert. Und am Ende gibt Verweise auf ein Tragödie.
- dass der Roman von jüdischem Leben in Berlin (und den USA) erzählt. Es wäre so cool, wenn noch mehr Romane das tun würden.
Aus meiner Sicht vermittelt der Roman, dass jüdisches Leben und jüdische Identitäten vielfältig sind, dass Vielfalt etwas Gutes ist, dass Dinge komplexer werden, je genauer man sie ansieht, und dass es in Bezug auf Isreal/Gaza keine einfachen Antworten gibt. Das ist so wichtig und ich finde, Dana Vowinckel hätte allein dafür den Dt. Buchpreis verdient.
Ich würde "Anton und Alma" Menschen empfehlen, die Max Czolleks "Desintegriert euch" oder Hengameh Yaghoobifarahs "Eure Heimat ist unser Albtraum" interessant fanden. Ich glaube, Leser*innen, die Olga Grjasnowas "Der Russe ist einer, der Birken liebt" mochten, werden "Anton und Alma" wahrscheinlich auch schätzen.
Vielen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar!
PS. Lieber Suhrkamp-Verlag, einen Kaffee trinken möchte ich mit keiner der Romanfiguren, strange Vorstellung (aber ich würde mich freuen, wenn das/dass-Fehler in der zweiten Auflage vielleicht behoben wären). Wenn ich könnte, würde ich Dana Vowinckel fragen, was sie damals von der Biller-Czollek-Debatte hielt, wie es zum Titel kam (der mich erstaunt hat, weil er recht traditionell klingt, ganz anders als das leicht skurile "Gewässer im Ziplock") und ob sie diesen Roman auch als Liebeserklärung an jemanden oder etwas versteht.