Zurecht nominiert! Extrem intelligent konzipiert!
Ganz anders, als der Klappentext zunächst vermuten lässt, ist „Anton und Alma“ weit mehr als eine moderne Liebesgeschichte. Dana Vowinckel verbindet eine berührende Beziehungsgeschichte mit Fragen nach Herkunft, Klasse, jüdischer Identität, Zugehörigkeit und politischer Verantwortung und schafft dabei einen literarisch ausgesprochen klug konstruierten Roman. Dass „Anton und Alma“ für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 nominiert wurde, ist meines Erachtens absolut verdient.
Anton und Alma kennen sich bereits aus ihrer Schulzeit, begegnen sich jedoch erst Jahre später in Berlin wieder – und verlieben sich. Was zunächst wie der Beginn einer klassischen Liebesgeschichte wirkt, entwickelt sich schnell zu einem vielschichtigen Roman über zwei junge Menschen, deren unterschiedliche Lebenswelten immer wieder aufeinanderprallen. Anton ist Jude, Alma nicht; auch hinsichtlich ihrer familiären Herkunft und ihres sozialen Umfelds könnten die beiden kaum unterschiedlicher geprägt sein. Alma aus schwierigen Verhältnissen stammend blickt fasziniert auf Antons Familie, die sie als gebildet und vorbildlich wahrnimmt, und beginnt sich zugleich mit dem Judentum und dessen Bedeutung auseinanderzusetzen.
Gerade diese Figurenkonstellation macht den Roman so interessant. Vowinckel erzählt nicht einfach von zwei Menschen, die sich lieben, sondern davon, wie stark eine Beziehung durch Herkunft, familiäre Prägungen und gesellschaftliche Erfahrungen bestimmt wird. Anton und Alma werden dabei mit großer psychologischer Genauigkeit gezeichnet. Ihre Unsicherheiten, Eigenheiten und Widersprüche machen sie ausgesprochen glaubwürdig und nahbar. Nicht jede ihrer Entscheidungen ist nachvollziehbar, doch gerade darin liegt eine Stärke des Romans: Die Figuren werden nicht idealisiert, sondern in ihrer ganzen Ambivalenz gezeigt.
Literarisch besonders überzeugend ist die Art und Weise, wie Vowinckel die private Geschichte mit den großen gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart verknüpft. Der Roman verhandelt jüdisches Leben in Deutschland ebenso wie Antisemitismus, Migration, familiäre Herkunft, politische Positionierungen und die Frage, was Heimat eigentlich bedeutet. Bereits die Reflexionen über den Anschlag in Halle führen weit über die eigentliche Liebesgeschichte hinaus. Spätestens mit dem 7. Oktober 2023 verschieben sich jedoch die Koordinaten der Figuren endgültig. Was zuvor eher im Hintergrund mitschwingt, wird nun existenziell.
Besonders eindrucksvoll sind dabei die generationenübergreifenden Gespräche in Antons Familie. In den Dialogen zwischen Anton, seinen Eltern und seinen Großeltern treffen sehr unterschiedliche jüdische Erfahrungen und politische Perspektiven aufeinander. Die Familiengeschichte reicht zurück nach Europa der 1930er-Jahre, über die Schweiz bis nach Haifa und in die USA. Dadurch wird deutlich, dass es die eine jüdische Perspektive ebenso wenig gibt wie eine einheitliche Antwort auf die politischen und historischen Fragen, mit denen sich Anton auseinandersetzen muss.
Gerade im Umgang mit dem Krieg und dem Leid auf beiden Seiten beweist Vowinckel bemerkenswerte Sensibilität. Der Roman vermeidet es, israelisches und palästinensisches Leid gegeneinander aufzurechnen. Stattdessen zeigt er die Verunsicherung, Überforderung und Zerrissenheit seiner Figuren und lässt unterschiedliche Positionen miteinander kollidieren. Die klug gestalteten Dialoge machen dabei nicht nur politische Konflikte sichtbar, sondern zeigen, wie schwierig es für junge Menschen sein kann, sich inmitten historischer Traumata und gegenwärtiger Gewalt eine eigene Haltung zu erarbeiten.
Bemerkenswert ist zudem die literarische Konstruktion des Romans. Vowinckel arbeitet mit zahlreichen zeitgenössischen und literarischen Bezügen und verbindet private Erlebnisse mit historischen und politischen Diskursen. Gerade dadurch erhält die Geschichte eine ungewöhnliche Dichte. Hinter der vermeintlich einfachen Liebesgeschichte entsteht ein komplexes Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart, individueller Erinnerung und kollektiver Geschichte. Das macht „Anton und Alma“ zu einem Roman, über den man auch nach der letzten Seite noch weiter nachdenkt.
Eine kleine Einschränkung habe ich dennoch: Mitunter kann die sehr hippe, kosmopolitische Sprache etwas anstrengend wirken. Sie wirkt stellenweise bewusst aufgeladen mit aktuellen Begriffen, englischen Wendungen und einem urbanen Sprachduktus. Allerdings ist auch diese sprachliche Gestaltung keineswegs zufällig. Sie charakterisiert die Figuren, verortet sie in ihrer Generation und schafft einen deutlichen Aktualitätsbezug. Was gelegentlich „nervt“, erfüllt somit zugleich eine wichtige literarische Funktion.
Und so bleibt am Ende eben nicht nur eine Liebesgeschichte zurück. „Anton und Alma“ erzählt vom Sich-Nähern und Auseinanderdriften, vom Gehen und Verlassenwerden, vom Zurückkommen und von der schwierigen Suche nach einem Ort, den man Heimat nennen kann. Vor allem aber erzählt der Roman von Menschen, die versuchen, in einer politisch und gesellschaftlich zutiefst verunsichernden Gegenwart ihren eigenen Standpunkt zu finden, ohne die Perspektive des anderen aus dem Blick zu verlieren.
Obwohl ich den Roman bereits vor einiger Zeit beendet habe, beschäftigt er mich noch immer. Genau das ist für mich ein wesentliches Qualitätsmerkmal guter Literatur. „Anton und Alma“ ist eine emotional mitreißende, zugleich intellektuell anspruchsvolle und ausgesprochen gegenwärtige Lektüre – und meines Erachtens eines der Bücher, die man in diesem Jahr unbedingt gelesen haben sollte.
Für mich ein absolutes Lesehighlight – und angesichts der literarischen Qualität völlig zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026.
Anton und Alma kennen sich bereits aus ihrer Schulzeit, begegnen sich jedoch erst Jahre später in Berlin wieder – und verlieben sich. Was zunächst wie der Beginn einer klassischen Liebesgeschichte wirkt, entwickelt sich schnell zu einem vielschichtigen Roman über zwei junge Menschen, deren unterschiedliche Lebenswelten immer wieder aufeinanderprallen. Anton ist Jude, Alma nicht; auch hinsichtlich ihrer familiären Herkunft und ihres sozialen Umfelds könnten die beiden kaum unterschiedlicher geprägt sein. Alma aus schwierigen Verhältnissen stammend blickt fasziniert auf Antons Familie, die sie als gebildet und vorbildlich wahrnimmt, und beginnt sich zugleich mit dem Judentum und dessen Bedeutung auseinanderzusetzen.
Gerade diese Figurenkonstellation macht den Roman so interessant. Vowinckel erzählt nicht einfach von zwei Menschen, die sich lieben, sondern davon, wie stark eine Beziehung durch Herkunft, familiäre Prägungen und gesellschaftliche Erfahrungen bestimmt wird. Anton und Alma werden dabei mit großer psychologischer Genauigkeit gezeichnet. Ihre Unsicherheiten, Eigenheiten und Widersprüche machen sie ausgesprochen glaubwürdig und nahbar. Nicht jede ihrer Entscheidungen ist nachvollziehbar, doch gerade darin liegt eine Stärke des Romans: Die Figuren werden nicht idealisiert, sondern in ihrer ganzen Ambivalenz gezeigt.
Literarisch besonders überzeugend ist die Art und Weise, wie Vowinckel die private Geschichte mit den großen gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart verknüpft. Der Roman verhandelt jüdisches Leben in Deutschland ebenso wie Antisemitismus, Migration, familiäre Herkunft, politische Positionierungen und die Frage, was Heimat eigentlich bedeutet. Bereits die Reflexionen über den Anschlag in Halle führen weit über die eigentliche Liebesgeschichte hinaus. Spätestens mit dem 7. Oktober 2023 verschieben sich jedoch die Koordinaten der Figuren endgültig. Was zuvor eher im Hintergrund mitschwingt, wird nun existenziell.
Besonders eindrucksvoll sind dabei die generationenübergreifenden Gespräche in Antons Familie. In den Dialogen zwischen Anton, seinen Eltern und seinen Großeltern treffen sehr unterschiedliche jüdische Erfahrungen und politische Perspektiven aufeinander. Die Familiengeschichte reicht zurück nach Europa der 1930er-Jahre, über die Schweiz bis nach Haifa und in die USA. Dadurch wird deutlich, dass es die eine jüdische Perspektive ebenso wenig gibt wie eine einheitliche Antwort auf die politischen und historischen Fragen, mit denen sich Anton auseinandersetzen muss.
Gerade im Umgang mit dem Krieg und dem Leid auf beiden Seiten beweist Vowinckel bemerkenswerte Sensibilität. Der Roman vermeidet es, israelisches und palästinensisches Leid gegeneinander aufzurechnen. Stattdessen zeigt er die Verunsicherung, Überforderung und Zerrissenheit seiner Figuren und lässt unterschiedliche Positionen miteinander kollidieren. Die klug gestalteten Dialoge machen dabei nicht nur politische Konflikte sichtbar, sondern zeigen, wie schwierig es für junge Menschen sein kann, sich inmitten historischer Traumata und gegenwärtiger Gewalt eine eigene Haltung zu erarbeiten.
Bemerkenswert ist zudem die literarische Konstruktion des Romans. Vowinckel arbeitet mit zahlreichen zeitgenössischen und literarischen Bezügen und verbindet private Erlebnisse mit historischen und politischen Diskursen. Gerade dadurch erhält die Geschichte eine ungewöhnliche Dichte. Hinter der vermeintlich einfachen Liebesgeschichte entsteht ein komplexes Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart, individueller Erinnerung und kollektiver Geschichte. Das macht „Anton und Alma“ zu einem Roman, über den man auch nach der letzten Seite noch weiter nachdenkt.
Eine kleine Einschränkung habe ich dennoch: Mitunter kann die sehr hippe, kosmopolitische Sprache etwas anstrengend wirken. Sie wirkt stellenweise bewusst aufgeladen mit aktuellen Begriffen, englischen Wendungen und einem urbanen Sprachduktus. Allerdings ist auch diese sprachliche Gestaltung keineswegs zufällig. Sie charakterisiert die Figuren, verortet sie in ihrer Generation und schafft einen deutlichen Aktualitätsbezug. Was gelegentlich „nervt“, erfüllt somit zugleich eine wichtige literarische Funktion.
Und so bleibt am Ende eben nicht nur eine Liebesgeschichte zurück. „Anton und Alma“ erzählt vom Sich-Nähern und Auseinanderdriften, vom Gehen und Verlassenwerden, vom Zurückkommen und von der schwierigen Suche nach einem Ort, den man Heimat nennen kann. Vor allem aber erzählt der Roman von Menschen, die versuchen, in einer politisch und gesellschaftlich zutiefst verunsichernden Gegenwart ihren eigenen Standpunkt zu finden, ohne die Perspektive des anderen aus dem Blick zu verlieren.
Obwohl ich den Roman bereits vor einiger Zeit beendet habe, beschäftigt er mich noch immer. Genau das ist für mich ein wesentliches Qualitätsmerkmal guter Literatur. „Anton und Alma“ ist eine emotional mitreißende, zugleich intellektuell anspruchsvolle und ausgesprochen gegenwärtige Lektüre – und meines Erachtens eines der Bücher, die man in diesem Jahr unbedingt gelesen haben sollte.
Für mich ein absolutes Lesehighlight – und angesichts der literarischen Qualität völlig zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026.