Zwischen Liebe, Identität und hohen Erwartungen

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„Anton und Alma“ hat bei mir einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Das Cover und die Gestaltung passen für mich gut zu einem literarischen Roman, der weniger von äußerer Handlung als von Beziehungen, Identität und gesellschaftlichen Konflikten lebt. Inhaltlich erzählt Dana Vowinckel von Anton und Alma, deren Liebesgeschichte gleichzeitig von sehr unterschiedlichen familiären, sozialen und religiösen Hintergründen geprägt wird.

Besonders interessant fand ich Anton als Figur. Seine jüdische Identität und seine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen auf Israel und Palästina führen dazu, dass er Überzeugungen hinterfragen muss, die für ihn lange selbstverständlich waren. Dadurch gerät er zunehmend in einen Identitätskonflikt. Die Frage, ob er sich überhaupt eindeutig einer bestimmten Position zuordnen kann und möchte, wird für mich überzeugend dargestellt. Gerade diese Ambivalenz macht ihn zu einer authentischen und spannenden Figur.

Deutlich schwerer getan habe ich mich mit dem Schreibstil. Dana Vowinckel springt teilweise innerhalb kürzester Passagen zwischen Gedanken und Themen, sodass ich beim Lesen immer wieder das Gefühl hatte, den Faden zu verlieren. Hinzu kommen längere, teilweise sehr akademisch formulierte Abschnitte. Gleichzeitig gibt es aber auch sehr zugängliche und emotionale Passagen, die mich wieder unmittelbar in die Geschichte hineingezogen haben. Dieser Wechsel hat dafür gesorgt, dass ich trotz meiner Schwierigkeiten weiterlesen wollte.

Auch die vielen jüdischen Begriffe, religiösen Traditionen und Feiertage setzen einiges an Vorwissen voraus. Einerseits fand ich das interessant, weil es mich dazu gebracht hat, einzelne Begriffe und Zusammenhänge selbst nachzuschlagen. Andererseits hätte ich mir gelegentlich etwas mehr Einordnung gewünscht. Ähnlich ging es mir mit den englischsprachigen Passagen. Für mich persönlich waren sie kein großes Problem, Leser*innen mit geringen Englischkenntnissen könnten dadurch aber unnötig aus dem Lesefluss gerissen werden.

Meine größte Enttäuschung betrifft allerdings die Gewichtung der Themen. Aufgrund der Buchbeschreibung hatte ich erwartet, dass der 7. Oktober 2023, der Gazakrieg und die damit verbundenen religiösen, politischen und persönlichen Konflikte einen wesentlich größeren Teil des Romans einnehmen würden. Tatsächlich rücken diese Aspekte erst vergleichsweise spät deutlich in den Mittelpunkt und werden für mein Empfinden auf zu wenig Raum behandelt. Gerade hier hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht. Über weite Strecken bleibt „Anton und Alma“ deshalb vor allem eine Liebesgeschichte mit den entsprechenden Höhen, Tiefen, Annäherungen und Konflikten. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, entsprach aber nicht ganz den Erwartungen, die das angekündigte Thema bei mir geweckt hatte.

Mein Fazit fällt daher gemischt aus. „Anton und Alma“ ist ein anspruchsvoller, emotionaler Roman mit einer interessanten Hauptfigur und wichtigen Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und widersprüchlichen politischen Narrativen. Gleichzeitig verlangt der sprunghafte und stellenweise akademische Stil einiges an Konzentration. Wer einen leicht zugänglichen Liebesroman sucht, dürfte sich damit schwertun. Wer dagegen literarisch anspruchsvolle Gegenwartsromane mag und bereit ist, sich auf religiöse, gesellschaftliche und politische Themen einzulassen, kann hier durchaus eine interessante Lektüre finden. Vom im Klappentext stark hervorgehobenen Konflikt rund um den 7. Oktober hätte ich mir persönlich jedoch deutlich mehr versprochen.