Alle Fäden verloren

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wolfram Avatar

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Was ist ein Webroman? "Be a Light" soll ja ein "mehrfach preisgekrönter koreanischer Webroman" sein.
Heißt das, der Autor (oder Autorin?) schreibt ein paar Kapitel, stellt sie online, und die Follower dürfen mitbestimmen? Oder gar mitschreiben?

So jedenfalls kommt mir das Buch vor. Fast 500 Seiten Geschichte. Oder besser gesagt: 5 Geschichten á 100 Seiten trifft es wohl besser.

Denn: Grob kann man das Buch so aufteilen:
100 Seiten "Leben in der Unterwasserstation in 3000 Metern als Zahnarzt"
100 Seiten "Flucht vor der Flut, die Station ist undicht"
100 Seiten "Plötzlich Schießerei, Bewaffnete jagen die Forscher"
100 Seiten "4600 Stufen in einem seltsamen Treppenhaus hochgehen. In Echtzeit."
100 Seiten "Völlig absurdes Ende, das Murmeltier lässt grüßen"

Bevor ich zu sehr spoilere, hier erstmal der unverbindliche Anfang.

Muhyun ist ein Zahnarzt, der eine Stelle in der Unterwasserstation in der Tiefsee bekommt. Die Geschichte verspricht interessant zu werden. Wie lebt es sich so tief unter der Wasseroberfläche, in einer künstlichen Station, nur wenige Zentimeter von dem übergroßen Wasserdruck entfernt?
Tag für Tag wird das Leben beschrieben, der Protagonist lernt neue Menschen kennen. Man erwartet, noch mehr über das Leben und die Technik, die dies möglich macht, zu erfahren.

Doch dann tritt ein Leck auf und die Action beginnt.
Muyhun wird zum Helden, rettet ein komplettes Quartier, schließt sich mit anderen Flüchtenden zusammen. Sogar einen schlafenden Jungen (wo immer der auch her kommt; Kinder sind eigentlich nicht erlaubt in der Station), eine Katze und eine Schlange nimmt er mit. Doch so richtig wichtig scheint das alles nicht zu sein. Oder der Autor vergisst, warum er all diese Charaktere eingeführt hat. Katze und Schlange scheinen bis zum Schluss niemandem zu gehören und spielen auch keine Rolle mehr (außer, dass sie regelmäßig im Rucksack entdeckt werden). Der Junge verschwindet, zusammen mit der halben Gruppe, in einem nicht weitergeführten Seitenstrang. Obwohl in ermüdend langen Details beschrieben wird, wie trotz steigendem Wasser der Junge von den anderen herumgeschleppt wird.

Wie in einem Computerspiel hüpft unser Protagonist von Station zu Station, schafft es von einer Ebene zur nächsten, sieht sich völlig neuen Gefahren ausgesetzt, übersteht diese, steigt zur nächsten Ebene auf.

Und auf dem Weg verliert der Autor alle Fäden, verheddert sich in Erzählsträngen, macht 180° Wendungen und erzählt eigentlich alle 100 Seiten eine neue Geschichte.

ACHTUNG SPOILER (aber eigentlich ahnt man das schon, wenn man die Klappentexte der Folgebücher liest):
Auf den letzten 100 Seiten gibt es einen wahren Splatter, eine völlig andere Handlung als am Anfang. Hat der Autor sich irgendwann umentschieden, wohin sich die Geschichte entwickeln soll? Die Leser des Webromans vielleicht? Die Klappentexte der Folgebände lassen da nichts Gutes erahnen...Und wer zum Teufel hat bloß das Ende geschrieben? Da wird mit einem Male die Physik völlig ignoriert! Wenn vorher noch halbwegs glaubhaft beschrieben wird, wie Druck, Tiefe und menschliche Körper sich miteinander verhalten, kann hier plötzlich die Gondel "abstürzen", sodass man schwerelos in der Gondel fliegt, als sei man in der Luft. Die Gondel verlässt die Station ohne Druckschleuse? Dann irgendwann dringt Wasser durch Löcher ein und Muhyong traut sich nicht, schnell (aktuell in 70m Tiefe, so kurz vor der Rettung) rauszuschwimmen, weil er sonst zerplatzt? Als könnte man munter innerhalb der Gondel im hüfthohen Wasser planschen, sobald man aber nach draußen kommt, platzt man? Abgesehen davon, dass man in der Tiefsee wohl eher kollabieren würde.
Und dann, nach längerem "Abstürzen" in Richtung Meeresboden, schwimmt er doch ganz gemütlich nach draußen,  macht sich so seine Gedanken, bis der Hai ihn findet? Keine Sorge, das Buch endet mit der Wiedergeburt, damit man die nächsten 500 Seiten des zweiten Bandes lesen kann. Zurück auf Anfang, gähn. Alles nur geträumt? Matrix lässt grüßen? Oder das tägliche Murmeltier?
Man bekommt wirklich das Gefühl, als wäre das Buch von fünf Leuten geschrieben worden, die alle nicht den Text der anderen gelesen haben. Jeder schreibt 100 Seiten und weiß nur, wen der Vorgänger hatte sterben lassen.