Identität auf Zeit

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mariehal Avatar

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Der Einstieg in diese Geschichte hat mich sofort gepackt: Der Schreibstil ist flüssig, atmosphärisch und zieht einen regelrecht in Julies Perspektive hinein. Besonders die Ausgangssituation – zwei getrennt aufwachsende Zwillingsschwestern, ein Todesfall und die Möglichkeit, in ein fremdes Leben zu schlüpfen – besitzt enormes erzählerisches Potenzial. Obwohl Julie keine klassische Sympathieträgerin ist, war ihre Einsamkeit und Sehnsucht nach Zugehörigkeit nachvollziehbar genug, um neugierig zu bleiben und ihr durch die luxuriöse Welt ihrer Schwester zu folgen.

Gerade dieser Teil des Romans liest sich sehr fesselnd: Julies Eintauchen in die High-Society-Influencerwelt ist detailreich beschrieben und vermittelt glaubhaft die Faszination von Reichtum, Schönheit und digitaler Aufmerksamkeit. Allerdings bleibt die Darstellung dieser Welt für meinen Geschmack zu klischeehaft und überraschend unkritisch. Statt die Oberflächlichkeit oder Abhängigkeiten des Influencer-Lebens stärker zu hinterfragen, wird es eher als Ausweg aus persönlicher Leere und sozialer Isolation inszeniert. Dadurch fehlt dem Roman ein Stück Tiefgang, das der Thematik gutgetan hätte.

Mit fortschreitender Handlung driftet die Geschichte zunehmend in eine Richtung, die mich leider verloren hat. Die Wendung rund um die »Belladonnas« und das Geschehen auf der Luxusinsel wirkt überzogen und entwickelt eine stark sektenhafte Dynamik, die kaum vorbereitet oder psychologisch nachvollziehbar erscheint. Besonders das Finale empfand ich als konstruiert und tonal weit entfernt von der anfänglichen, eher psychologisch angelegten Spannung. Wer hier einen Thriller mit konsequent aufgebauter Bedrohung erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein – dafür fehlt es an Stringenz und glaubwürdiger Zuspitzung.

So bleibt ein Roman, der stark beginnt und stilistisch überzeugt, dessen Figurenzeichnung und thematische Schärfe jedoch hinter den Möglichkeiten zurückbleiben. Die Idee der Identitätsübernahme und die Frage „Wer will ich sein?“ tragen die Geschichte lange, doch das überdrehte Ende schwächt den Gesamteindruck deutlich. Insgesamt solide Unterhaltung mit Sogwirkung zu Beginn – aber mit einer Entwicklung, die nicht alle Leserinnen und Leser überzeugen dürfte.