Bleibt an der Oberfläche stecken

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alasca Avatar

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Delia will eine Andere werden. „Lilly“ will sie in Zukunft sein – eine bessere Version ihrer selbst. Sie möchte Bühnenautorin werden und hofft auf größere Chancen in Hamburg. Anouk, die sie als Mitbewohnerin aufnimmt, ist das, was Delia noch werden will: Glamourös, selbstsicher, schlagfertig. Sie nennt sich selbst Content Creator und hofft auf Synergien durch Lillys vermeintlichen Vater. Erst ein Shitstorm auf ihrem Account bringt sie zum Nachdenken.

„Wir nehmen Strukturen, patriarchale und kapitalistische Muster, die völlig gegen uns arbeiten, mit in ausschließlich weibliche Räume“, erkennt Anouk in einem Gespräch, das sie und Lilly für einen Podcast über weibliche Freundschaft führen. Eine wichtige Erkenntnis, die June mit ihrem Thema der Frauenfreundschaft verhandeln will: Besties, beste Freundinnen, und was es bedeutet, eine zu sein oder zu haben. Ehrlichkeit, Loyalität - Anouk und Lilly müssen erkennen, dass sie eigentlich keine Freundinnen sind.

June thematisiert den Druck der Social Media, der oftmals zu einer extrem selbstkritischen Haltung der jungen Frauen und zu Konkurrenzdenken untereinander führt. Das Problem ist bekannt, nur war für mich ihre Darstellung schwer nachvollziehbar. Zu eindeutig ist die Absurdität der Werte im dargestellten Influencer-Kosmos, in dem Frauen ihr Geld für „gemachte“ Nasen, Kosmetik und Mode ausgeben und ständig auf der Jagd nach Likes oder Content sind.

June spielt bewusst mit der eigentlichen Bedeutung des Buchtitels, nämlich „wildes Tier“. So viel sei ohne zu spoilern gesagt: Frauen sind damit nicht gemeint. Vermutlich ist darunter auch eine mir funktionell unklar gebliebene Figur des Romans einzuordnen, ein schmutziger Riesenhund namens Grendel, den Lilly eine Zeitlang aufnimmt, füttert und pflegt. Ein Symbol für die patriarchalen Werte? Für unterschwellige Ängste?

Als Gegenpol zu den im Insta-Space verirrten It-Girls setzt June den jungen Handwerker-Nachbar Soho ein, aber allzu bodenständig lässt die Autorin es nicht werden: Er arbeitet als Kulissenschreiner am Theater. Arg zufällig, aber irgendwie muss Lilly halt in Richtung Traumerfüllung gesteuert werden. Soho stellt so etwas wie ein männliches Idealbild unter all den oberflächlichen, toxischen oder unzuverlässigen Männern dar, auf die sich die Protas im Verlauf des Romans einlassen. Der sanfte und fürsorgliche Frauenversteher – jede sollte so einen haben;-).

Beide Protas haben Geheimnisse, aus denen sich die Spannung des Romans speist: Warum hat Lilly/Delia ihre alte Heimat so überstürzt verlassen? Welche Konflikte haben Anouk von ihrer Schwester Marie entfremdet? Auflösung und Erkenntnisprozess am Ende fand ich ziemlich banal. Nein, ein neuer Name bewirkt keine neue Identität. Ja, wo immer man hingeht, nimmt man sich selber mit. Nein, belügen sollte man niemanden, vor allem nicht sich selbst. Nein, Männer sind nicht der Gradmesser des Selbstwerts. Und ja, es hilft, miteinander zu reden.

Auch sprachlich hat mich dieses Debüt nicht ganz überzeugt. June fomuliert ausdrucksvolle Sätze, aber oft gleitet die etwas zu süße Poesie in den Kitsch ab. „Der flehende Blick, der ins Nichts fällt und dabei versehentlich mein Herz streift.“ Metaphern wie diese ziehen sich durch den ganzen Roman. Ab der Hälfte begann ich, mich zu langweilen, was auch an den Figuren lag.

Es ist mir nicht gelungen, mit ihnen mitzufühlen bzw. für sie überhaupt ein Gefühl außer Genervtheit zu entwickeln. Ich fand sie künstlich und unecht und ihre Konflikte so konstruiert wie deren Lösung offensichtlich. Der Roman hat durchaus gute Ansätze zum Thema patriarchale Überfremdung, bleibt aber letztlich an der Oberfläche stecken.

Fazit: Für Teenager und Twentysomethings mag der Roman funktionieren, aber ältere und (literatur-)erfahrene Semester wie ich dürften sich etwas unterfordert fühlen.