Faszinierendes Debüt

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„BESTIE“ (DEUTSCH AUSGESPROCHEN) ODER DOCH „BESTIE“ (DIE ENGLISCHE VARIANTE)?

Zwei junge Frauen treffen als neue WG-Partnerinnen aufeinander. Beide mit einer eigenen Agenda und der Überzeugung, die jeweils andere für ihre Zwecke einspannen zu können. Auf der einen Seite Lilly, die sich eine komplett neue Identität zugelegt hat, um als Bühnenautorin durchstarten und ihr altes, unsicheres Ich hinter sich lassen zu können. Auf der anderen Seite Anouk, die als Influencerin mit ästhetischem Lifestyle ein Traumleben zu haben scheint. Hinter der Fassade aber genau wie jede andere Frau in den Zwanzigern mit Unsicherheiten und den eigenen Unzulänglichkeiten kämpft. Wird sie es jemals schaffen, ihren Traum vom Journalismus zu verwirklichen? Oder für immer „nur“ auf Instagram Kurztexte verfassen dürfen?

Trotz dieser eher in Richtung „Frenemies“ deutenden Voraussetzungen nähern sich die beiden langsam an. Kann eine wahrhaftige Freundschaft entstehen?



FASZINIEREND

Ich kann es nicht anders sagen, mich hat „Bestie“ fasziniert. Was durchaus überraschend ist. Denn obwohl ich rational weiß, dass ich mich davon nicht abschrecken lassen sollte, muss ich zugeben, dass ich mich mit eher unsympathischen Protagonistinnen manchmal schwertue. Mir macht es so viel mehr Spaß, von Personen zu lesen, die ich mag, mit denen ich „relaten“ kann und mit denen ich auch im echten Leben gerne befreundet wäre. Lilly und Anouk fallen nicht in diese Kategorie. Ja, sie sind keine klassischen Bösewichte aber mindestens „morally grey“ mit ihrer Art, auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein.

Aber genau das macht einen Teil der Faszination von „Bestie“ aus. Ich war mir beim Lesen nie sicher, wer von den beiden wen versucht zu übervorteilen und so habe ich das Buch die ganze Zeit über voller Spannung gelesen. Bis zum Schluss hättes es in beide Richtungen enden können.



ABGEDREHT

Gegen Ende gibt es einen etwas mysteriösen Erzählstrang (Stichwort „Hund“), der mir eine Spur zu abgedreht war. Hier war ich froh, als die Geschichte im gefühlt letzten Moment die Kurve bekommen hat und nicht ins zu Abstruse abgedriftet ist.

Trotzdem bin ich von Anfang bis Ende durch die Seiten geflogen. Auch der Schreibstil passt perfekt zu Joana Junes ruhiger und überlegter Art. Ein tolles Debüt! Ich freue mich sehr, dass sie einen Verlag gefunden hat, obwohl das Buch zunächst von Verlagen abgelehnt wurde, weil es in kein Genre oder zu keiner bestimmten Zielgruppe zu passen schien.



FAZIT

Klare Empfehlung für alle, die mit fehlbaren Protagonistinnen umgehen können und die sich für das Seelenleben von Frauen in den Zwanzigern interessieren.