Verlorene Heimat, vererbte Wunden

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anja_steinvorth Avatar

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Schlesien, 1945: Frieda muss mit ihrer kleinen Tochter in bitterster Kälte fliehen, während die russischen Soldaten immer näher rücken. Ihr Mann und ihr Sohn sind an der Front.

In der Gegenwart ist Friedas Enkelin schwanger und frisch vom Vater ihres Kindes getrennt. Auf der Suche nach dem Ursprung ihrer Bindungsängste beginnt sie, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen und verdrängte Erinnerungen aufzuarbeiten.

Das Buch überzeugt durch einen flüssigen und angenehmen Schreibstil, der mich mühelos durch die Seiten getragen hat. Erzählt wird auf mehreren Zeitebenen – einerseits in den Jahren rund um 1945, andererseits in der Gegenwart. Die zahlreichen Zeitsprünge erfolgen teilweise sehr abrupt und haben beim Lesen einiges an Konzentration von mir gefordert. Gleichzeitig haben sie aber dabei geholfen, die verschiedenen Figuren, ihre Beweggründe und ihre Denkweisen besser nachvollziehen zu können.

Besonders bewegend waren für mich die Kapitel rund um den Zweiten Weltkrieg mit Kriegsende, Flucht und Vertreibung. Die Entbehrungen, die Angst und das Leid waren beim Lesen beinahe greifbar. Viele Szenen haben mich tief berührt und zum Nachdenken gebracht. Mein größter Respekt gilt all den Frauen wie Frieda, die in einer so grausamen Zeit über sich hinausgewachsen sind und unglaubliche Stärke bewiesen haben.

Besonders eindrucksvoll zeigt das Buch, wie sich unverarbeitete Traumata über Generationen hinweg weitertragen können und wie heilsam es zugleich sein kann, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, um sich selbst und andere besser zu verstehen.

Dennoch muss ich gestehen, dass mich die zweite Hälfte des Buches nicht mehr ganz so stark fesseln konnte wie die erste. Gerade dort habe ich manche Entscheidungen und Entwicklungen eher mit Unverständnis verfolgt, auch war mir das eine oder andere Klischee zu viel.

Fazit: Ein emotionales und wichtiges Buch über die Folgen des Krieges, familiäre Prägungen und die Kraft der Aufarbeitung. Vor allem die historischen Passagen bleiben lange im Gedächtnis und machen die Geschichte besonders eindringlich.