Ein süchtig machender Roman!
Mit 23 fängt Charlies Leben gerade erst an. Noch frisch von der Uni ist die Arbeit als Assistentin in der Presseabteilung bei Winden & Shane, einem renommierten Londoner Verlag, wie ein wahrgewordener Traum. Gemeinsam mit ihren Kolleg*innen und besten Freund*innen Ophelia und Eddy teilt sie sich trotz des bescheidenen Verlagsgehalts und dank Ophelia wohlhabendem Elternhaus eine kleine, aber schöne Wohnung mitten in London. Gemeinsame Mittagessen und Clubabende, geteilte Sorgen und Höhenflüge innerhalb wie außerhalb des Verlags machen diese Beziehungen für Charlie zu etwas ganz Besonderem, nie Dagewesenem. Endlich, so scheint es, ist sie angekommen, gehört sie dazu. Ein Gefühl von Familie, das sie seit dem plötzlichen Tod ihrer Mutter in ihrer Jugend, seitdem sie Antidepressiva nimmt, für verloren geglaubt hat. Und dann passiert es, sie steht ihm gegenüber. Ihm, dem beeindruckenden, großen Richard Aveling. Der 57-jährige Richard ist der Star des Verlags, ein weltweit bekannter und renommierter Autor, der bereits in seinen Zwanzigern den Booker Price gewonnen hat und seitdem einen Bestseller nach dem nächsten veröffentlicht hat. Nun soll sein Meisterwerk erscheinen – und Charlie, die seit ihrer Jugend für Richard und seine Bücher schwärmt, ist Teil seines Presseteams. Charlie kann ihr Glück kaum fassen. Erst recht nicht, als sich der über 30 Jahre ältere und verheiratete Autor tatsächlich für Charlie und ihre Gedanken zu interessieren scheint. Charlie fühlt sich als Erwachsene, als Verlagsangestellte ernstgenommen. Vielleicht zum ersten Mal. Es passiert, was unausweichlich passieren musste: Die beiden beginnen eine Affäre, die auf Heimlichkeiten, Kontrolle und einem enormen Machtgefälle aufbaut und bald sehr viel von Charlie fordert. Hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu Richard, dem Leben, das die beiden nie werden führen können, den Lügen und der damit einhergehenden Entfremdung von Ophelia und Eddy und dem Druck auf der Arbeit und von Richard, ihr Geheimnis um jeden Preis für sich zu behalten, droht Charlie Stück für Stück den Halt zu verlieren.
»Bittersüß« hat mich überrascht. Nicht wegen der Handlung. Denn wir sehen und wissen, wohin diese Geschichte läuft. Eine Anfang 20-Jährige Presseassistentin trifft auf ihr großes Jugendidol, den weltberühmten und über 30 Jahre älteren Bestsellerautor, der ihre Schwärmerei genießt und nutzt, um sein Ego aufzupolieren, dabei nur an sich und seine Bedürfnisse denkt und seine Machtposition schamlos ausnutzt. Diese Geschichte ist in all ihren Varianten so alt wie bekannt. Und doch schafft es Hattie Williams, sie neu zu erzählen. Weil sie Charlie zu Wort kommen lässt. Charlie, die uns gleich am Anfang des Buchs erzählt, wie schwer es war, Richard hinter sich zu lassen. Dass sie es geschafft hat, das wissen wir. Und doch entfaltet ihre Geschichte, die sie uns fortan erzählt – immer wieder durchbrochen von ihren Gedanken in ihrer Perspektive Jahre danach –, einen ganz eigenen Sog. Als Lesende erleben wir hautnah, wie Charlie sich in diese toxische Beziehung verheddert, wie verheerend jugendliche Naivität gepaart mit tiefsitzenden, unverarbeiteten Ängsten und einem Mann ist, der genau diese Schwachstellen zu erkennen und ausnutzen weiß. Er entfremdet sie, von ihren sonstigen sozialen Kontakten, ihrer Arbeit, ihrer selbst – alles im Zuge der Verfügbarkeit für seine Bedürfnisse. Ein perfides, das männliche Ego schmeichelnde Machtspiel, getarnt als Liebe und Fürsorge. Wie unauffällig dies passiert, wie einfach es wohl gewesen wäre, sich selbst an irgendeinem Punkt im eigenen Leben in Charlies Position wiederzufinden, das ist eine der Stärken von »Bittersüß«. Eine weitere Stärke ist die ehrliche, schmerzliche Betrachtung von psychischer Gesundheit. Denn Charlie leidet, ohne zu verstehen, warum und woran. Sich von Richard zu befreien ist so schwer wie der Weg, gesund zu werden. Und beeinflusst davon. Doch Charlie hat – und auch damit glänzt dieser Roman für mich – Freund*innen wie Ophelia und Eddy und eine Chefin, von der viele nur träumen können. Ein Sicherheitsnetz, Menschen, die nicht wegschauen, wenn es hart wird, sondern da sind und sich kümmern. Nicht zuletzt überzeugt »Bittersüß« über die authentischen Einblicke in die Arbeit eines mittelständischen Publikumsverlags – Deadlines, anstrengende und sich selbst überschätzende Autor*innen, die Hochs und Tiefs eines Verlagsjahrs, die schlechte Bezahlung, die Überstunden, die Leidenschaft fürs Buch, mit der jede Menge kompensiert wird, was nicht kompensiert werden sollte. Liebe, Leidenschaft, Leiden, Jungsein, Freund*innenschaft, Selbstermächtigung, Bücher, Female Gaze – dieses Buch hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Keine neue Geschichte, nein, bei weitem nicht – aber eine verdammt gut und neu erzählte.
»Bittersüß« hat mich überrascht. Nicht wegen der Handlung. Denn wir sehen und wissen, wohin diese Geschichte läuft. Eine Anfang 20-Jährige Presseassistentin trifft auf ihr großes Jugendidol, den weltberühmten und über 30 Jahre älteren Bestsellerautor, der ihre Schwärmerei genießt und nutzt, um sein Ego aufzupolieren, dabei nur an sich und seine Bedürfnisse denkt und seine Machtposition schamlos ausnutzt. Diese Geschichte ist in all ihren Varianten so alt wie bekannt. Und doch schafft es Hattie Williams, sie neu zu erzählen. Weil sie Charlie zu Wort kommen lässt. Charlie, die uns gleich am Anfang des Buchs erzählt, wie schwer es war, Richard hinter sich zu lassen. Dass sie es geschafft hat, das wissen wir. Und doch entfaltet ihre Geschichte, die sie uns fortan erzählt – immer wieder durchbrochen von ihren Gedanken in ihrer Perspektive Jahre danach –, einen ganz eigenen Sog. Als Lesende erleben wir hautnah, wie Charlie sich in diese toxische Beziehung verheddert, wie verheerend jugendliche Naivität gepaart mit tiefsitzenden, unverarbeiteten Ängsten und einem Mann ist, der genau diese Schwachstellen zu erkennen und ausnutzen weiß. Er entfremdet sie, von ihren sonstigen sozialen Kontakten, ihrer Arbeit, ihrer selbst – alles im Zuge der Verfügbarkeit für seine Bedürfnisse. Ein perfides, das männliche Ego schmeichelnde Machtspiel, getarnt als Liebe und Fürsorge. Wie unauffällig dies passiert, wie einfach es wohl gewesen wäre, sich selbst an irgendeinem Punkt im eigenen Leben in Charlies Position wiederzufinden, das ist eine der Stärken von »Bittersüß«. Eine weitere Stärke ist die ehrliche, schmerzliche Betrachtung von psychischer Gesundheit. Denn Charlie leidet, ohne zu verstehen, warum und woran. Sich von Richard zu befreien ist so schwer wie der Weg, gesund zu werden. Und beeinflusst davon. Doch Charlie hat – und auch damit glänzt dieser Roman für mich – Freund*innen wie Ophelia und Eddy und eine Chefin, von der viele nur träumen können. Ein Sicherheitsnetz, Menschen, die nicht wegschauen, wenn es hart wird, sondern da sind und sich kümmern. Nicht zuletzt überzeugt »Bittersüß« über die authentischen Einblicke in die Arbeit eines mittelständischen Publikumsverlags – Deadlines, anstrengende und sich selbst überschätzende Autor*innen, die Hochs und Tiefs eines Verlagsjahrs, die schlechte Bezahlung, die Überstunden, die Leidenschaft fürs Buch, mit der jede Menge kompensiert wird, was nicht kompensiert werden sollte. Liebe, Leidenschaft, Leiden, Jungsein, Freund*innenschaft, Selbstermächtigung, Bücher, Female Gaze – dieses Buch hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Keine neue Geschichte, nein, bei weitem nicht – aber eine verdammt gut und neu erzählte.