Tiefgehende Lektüre

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judykupy Avatar

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Hattie Williams’ Roman Bittersüß ist eine intensive und eindringliche Lektüre. Erzählt wird aus der Perspektive von Charlie, Anfang 20 und frisch als Presseassistentin in einem renommierten Londoner Verlag. Ihr Traumjob bringt sie ihrem Idol, dem berühmten Autor Richard Aveling, näher – ein Mann, dreißig Jahre älter und verheiratet. Was zunächst wie ein Fangirl-Moment wirkt, entwickelt sich zu einer toxischen Affäre, geprägt von Machtmissbrauch, psychischer Abhängigkeit und bittersüßen Momenten.

Besonders gelungen ist das Setting im Verlagswesen, das Buchliebhaber:innen sofort anspricht. Charlie ist keine naive Figur, sondern authentisch und verletzlich gezeichnet: Vom frühen Verlust ihrer Mutter geprägt, trägt sie Traumata in sich, die sie anfällig für Richards Manipulationen machen. Gerade diese innere Zerrissenheit verleiht der Erzählung Tiefe. Gleichzeitig bereichern Freunde wie Ophelia und Eddy, ihre Vorgesetzte Cecile und ihre Familie die Geschichte mit Wärme und Halt.

Williams beleuchtet Machtverhältnisse, Sehnsucht und Trauma mit großer Klarheit. Sprachlich fein gearbeitet, verbindet der Roman schonungslose Ehrlichkeit mit Momenten von Zuneigung und Freundschaft. Kleine Schwächen gibt es beim Erzähltempo und im etwas abrupten Ende, doch insgesamt überzeugt Bittersüß als psychologisch nuancierte, bewegende Lektüre. Empfehlenswert für alle, die sich auf melancholisch intensive Beziehungen und vielschichtige Charakterzeichnungen einlassen möchten.