Die Macht der Verdrängung

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coffee2go Avatar

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Nachdem ich auch die „Grenzfall-Serie“ der Autorin mit Freude gelesen habe, war ich gespannt auf den aktuellen Roman. Optisch ist er ein wahrer Hingucker, vor allem auch durch die harmonische Farbgestaltung und den Farbschnitt. Der Schreibstil ist mitreißend, sodass man als Leser*in in einen Sog verfällt und das Bedürfnis hat, schnell weiterzulesen. Dies wird auch durch die unterschiedlichen Zeitebenen und die relativ kurzen Kapitel gefördert.
Im Mittelpunkt steht Sophie, frisch getrennt und geflohen aus einer manipulativen Gewaltbeziehung und nun am Beginn eines Neuanfanges als angehende Fotografin. Durch einen lukrativen ersten Auftrag kommt sie in Kontakt mit der wohlhabenden Gutsfamilie Grafinger, doch die Freude währt nicht lange und Sophie fühlt sich beobachtet, wird bedroht und mit der Zeit holen sie die Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit wieder ein.
Ich finde die Atmosphäre ist sehr gelungen, indem die Autorin die Bedrohungssituationen ausführlich beschreibt und zwischendurch auch immer wieder Rückblenden stattfinden, in Sophies Kindheit und zur Zeit rund um den Mord an ihrem Vater, wird die Angst zusätzlich geschürt. Sophie wirkt für mich als Charakter authentisch und liebenswert, teilweise etwas naiv und gutgläubig, vor allem im Ignorieren von offensichtlichen Anzeichen und im Verdrängen ist sie sehr gut. Die Trauer um das Verschwinden ihres Bruders, den Tod des Vaters, zu dem sie eine innige Beziehung hatte und der depressiven Erkrankung ihrer Mutter belasten sie bis heute schwer und es fällt ihr noch immer schwer, glaubhafte Erinnerungen an ihre Kindheit hervorzuholen. Zwischenzeitlich habe ich mir auch die Frage gestellt, wie vertrauenswürdig ist Sophie als Erzählerin? Was verdrängt sie?
Wer als Täter*in in Frage kommt, bleibt bis zum Schluss spannend, sowohl für den Mord an Sophies Vater damals als auch für die aktuellen Bedrohungen in Sophies neuem Lebensabschnitt. Am Ende werden alle losen Fäden zusammengefügt und die meisten Fragen geklärt, allerdings geschah mir die Aufklärung zu abrupt und wurde zu schnell abgehandelt. Im Vergleich zum restlichen Aufbau der Geschichte, die sehr ausführlich und detailliert war, wurde ich vom Schluss fast überrumpelt und hatte zu tun, um den neuen Entwicklungen folgen zu können. Was mir nicht so gut gefallen hat, waren die Schlussfolgerungen, vor allem in juristischer Hinsicht. Ich möchte nicht im Detail darauf eingehen, da ich nicht den Inhalt spoilern möchte, aber hier hätte ich es schön gefunden, wenn die Autorin recherchiert hätte und sich mit dem Rechtssystem auseinandergesetzt hätte, welches Strafmaß für welche Tat und Altersgruppe realistisch sein könnte. Für mich war es zu unrealistisch, was ich schade finde, da mir das Buch ansonsten sehr gut gefallen und unterhalten hat.