Wenn die Blutrache 20 Jahre wartet…
Optisch gefällt mir dieses Buch sehr gut: Das in Schwarz, Rot und Orange gehaltene Cover zeigt eine Waldlichtung in tiefster Nacht mit stimmungsvollem Lichteinfall. Die düstere, beklemmende Atmosphäre, die dadurch erzeugt wird, passt gut zu dem Spannung versprechenden Buchtitel. Die farbig stimmig gestalteten Seiten (Farbschnitt) fallen sofort ins Auge und machen das Buch zu einem echten Hingucker.
Auch die Grundidee des Psycho-Thrillers hat mich sofort angesprochen: Sophies Flucht aus einer toxischen Beziehung und ihre Angst davor, von der Vergangenheit eingeholt zu werden, bieten die vielversprechende Basis für eine interessante Story. Konkret geht es um die Nacht, in der Sophie’s Vater getötet wurde – ein Trauma, das sie als Kind erlebt hat und das sie nach 20 Jahren wieder einholt.
Mit ihrem ansprechendem Schreibstil und der gewählten Struktur gelingt es der Autorin mühelos Spannung und Dynamik aufzubauen: Sie wechselt kontinuierlich zwischen der heutigen Sicht von Sophie und den Rückblicken ihres zwanzig Jahre jüngeren Selbst. In kursiver Schrift lässt sie eine weitere mysteriöse Person über Verlust und dem Wunsch nach Blutrache erzählen. Zusammen mit den kurzen Kapiteln und den ständigen Cliffhangern sorgt dieser dreigleisige Aufbau einerseits zwar für einen echten Pageturner-Effekt. Andererseits bremste dieser schnelle Wechsel der Perspektiven auch meinen Lesefluss etwas ab.
Die Geschichte selbst ist in drei Teile gegliedert. Jedem dieser Teile ist die Definition einzelner Begriffe („Verlust“, „Trauma“, „Rache“) vorangestellt. Diese Erklärungen sollen wohl auf die nachfolgenden Kapitel einstimmen; auf mich wirken sie jedoch etwas lehrmeisterhaft und nehmen der Geschichte ein Stück weit die erzählerische Leichtigkeit.
Der Plot selbst verliert im Verlauf leider zunehmend an Plausibilität. Manche Handlungsstränge wirken schlicht konstruiert, andere unlogisch. Manche Fährten verlaufen im Sand.
Nach dem geschickten Spannungsaufbau rund um die unheilvolle Nacht lässt insbesondere das Finale viele Fragen offen. Warum wird mit der „Blutrache“ 20 Jahre lang gewartet; warum die plötzliche Kehrtwende? Auch der eigentliche Tathergang war für mich nicht plausibel.
Fazit: Ein unterhaltsamer Thriller mit einem starken erzählerischen Ansatz in schöner Aufmachung. Aufgrund einiger Plotholes, insbesondere im Finale, verschenkt das Buch leider etwas Potenzial. Gute 3 Sterne.