Anspruchsvoller, harter Thriller

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hogado Avatar

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Blutwild von Saskia te Marveld ist ein intensiver, düsterer Thriller, der sich tief in die Psyche eingräbt und mich von Beginn an mit einer beklemmenden Atmosphäre konfrontiert hat. Sechs Jahre nach ihrer Flucht aus den Händen eines sadistischen Entführers versucht Anka, ein halbwegs normales Leben zu führen. Die körperlichen und seelischen Narben ihrer Gefangenschaft sind jedoch allgegenwärtig. Dass sie ihren Beruf als Polizistin aufgegeben hat, verdeutlicht, wie sehr die traumatischen Erlebnisse ihr Leben bestimmt haben. Umso erschütternder wirkt der Moment, in dem eine kryptische SMS mit GPS-Daten und dem Wort „HILFE“ sie unvermittelt in ihre Vergangenheit zurückstößt.
Te Marveld versteht es meisterhaft, Ankas innere Zerrissenheit darzustellen. Die Angst, die sie über Jahre zu verdrängen versucht hat, kehrt mit voller Wucht zurück und wird für die Lesenden spürbar. Der Fundort der Nachricht,eine abgelegene Hütte im Wald, erweist sich als albtraumhafte Kulisse. Dort stößt Anka auf makabre Kunstwerke: in Formaldehyd konservierte menschliche Körperteile, arrangiert wie Ausstellungsstücke. Diese grausigen Details sind schockierend, wirken jedoch nie selbstzweckhaft, sondern unterstreichen die perverse Gedankenwelt des Täters.
Besonders eindrucksvoll ist die psychologische Dimension des Romans. Die Frage, ob Ankas ehemaliger Peiniger tatsächlich zurückgekehrt ist oder ob sie möglicherweise von ihren eigenen Traumata eingeholt wird, sorgt für eine konstante, nervenaufreibende Spannung. Realität und Erinnerung verschwimmen zunehmend, wodurch der Thriller eine zusätzliche Tiefe erhält. Der Leser wird dazu gezwungen, Ankas Wahrnehmung ebenso zu hinterfragen wie sie selbst.
Der Schreibstil ist klar, präzise und atmosphärisch dicht. Saskia te Marveld setzt gezielt auf kurze, eindringliche Szenen, die das Tempo hochhalten und die Bedrohung stetig steigern. Besonders die Naturbeschreibungen des Waldes verstärken das Gefühl von Isolation und Ausgeliefertsein. Gleichzeitig lässt die Autorin genügend Raum für ruhigere Passagen, in denen Ankas innere Kämpfe und ihre Todesangst greifbar werden.
Blutwild ist kein leichter Thriller, sondern ein psychologisch anspruchsvolles Buch, das unter die Haut geht. Fans düsterer Spannungsliteratur, die sich für traumatisierte Figuren und komplexe Täterprofile interessieren, kommen hier voll auf ihre Kosten. Der Roman bleibt lange im Gedächtnis und zeigt eindrucksvoll, wie sehr die Vergangenheit die Gegenwart beherrschen kann.