Spannender Thriller mit Defiziten

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stillesen Avatar

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Selten hat mich ein Buch so ambivalent zurückgelassen, was die Bewertung angeht. Die Autorin hat mir ihr Erstlingswerk zur Rezension angeboten. Normalerweise lehne ich solche Anfragen inzwischen ab — ich habe eine gut gefüllte Liste von Büchern, die ich lesen will (und dafür schon nicht genug Zeit), und Bücher, die mir auf diesem Wege angeboten wurden, haben mich zuletzt selten begeistert.

Zwei Dinge waren diesmal anders und deswegen habe ich zugesagt: Zum einen versprach „Blutwild“ einen klassischen Thrillerstoff, zum anderen handelt es sich hierbei ja nicht um ein Buch im Selbstverlag, sondern Saskia te Marveld hat es geschafft, ihr Debüt beim Ullstein Buchverlag zu platzieren.

Der Einstieg hat meine Erwartungen auch absolut erfüllt. Flüssig geschrieben wurde ich direkt in die Geschichte hineingesogen, wie es sich bei einem guten Thriller gehört. Leider hält das Buch das hohe Niveau des Anfangs nicht durch, wobei es nicht an der Story liegt, sondern an Details.

Der Stil ist nicht stringent. Manche Szenen werden so schnell beschrieben, dass man den Eindruck hat, die Beschreibung sollte mit möglichst wenigen Worten auskommen — hier hätte der eine oder andere zusätzliche Satz geholfen. An anderen Stellen werden Details geschildert, die Atmosphäre herstellen sollen, aber dem Fortgang der Geschichte nicht zuträglich sind. Die Protagonistin ist ständig getrieben, was in gefühlt jedem Satz auch durch die Sprache deutlich wird. Mir war es zu viel.

Wirklich warmgeworden bin ich mit der Protagonistin Anka nicht. Ich habe oft nicht verstanden, warum sie sich in gewisse Situationen bringt. Eine traumatisierte und verängstigte Person stürzt sich kopfüber in potentiell lebensgefährliche Abenteuer — das ergab für mich an einigen Stellen keinen Sinn.

Während des Lesens dachte ich oft, dass hier ein besseres Lektorat geholfen hätte. Meine größte Irritation war daher das explizite Lob an die Lektorin in der Danksagung. Also meiner Meinung nach war da mehr drin. Allein den inflationären Gebrauch des Satzes „das Blut rauschte in ihren Ohren“ muss man eindämmen. Es hat mich dermaßen genervt, dass ich recherchiert habe, ob man wirklich das Blut im Ohr rauschen hören kann. Ja, kann man, ironischerweise wohl vor allem in ruhigen Situationen und nicht in Panik. Man sollte das aber dringend ärztlich abchecken lassen. Ich schweife ab.

„Blutwild“ ist ein spannender Thriller, der mich unterhalten hat. Die Story ist hinreichend originell, dass ich sie in einem Zug gelesen habe. Ich hatte schon Bücher, durch die ich mich durchkämpfen musste, das ist hier absolut nicht der Fall gewesen.

Die angesprochenen handwerklichen Defizite trüben leider den Gesamteindruck etwas, so dass ich am Ende 3,5 / 5 Sternen vergebe. Thrillerfans werden die Lektüre nicht bereuen.