Tosende Ästhtetik und milde Romantik

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alma_katarina Avatar

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Auch wenn der Titel mich angesprochen hat, wirkt er im Romantasy Genre doch etwas generisch: Darüber hinaus mag das eine Eigenheit von mir sein, doch einen Roman, der auf deutsch geschrieben wurde, mit einem englischen Titel zu versehen, finde ich persönlich ziemlich irritierend. Insbesondere, wenn hier höchstens eine Verbindung zur Ästhetik des Buches besteht, der Titel an sich aber nicht viel mit der Handlung zu tun hat. Umso schöner finde ich hingegen das Cover: Allein die Farben und die Gestaltung geben den rauen Ton für die Handlung auf hoher See, inmitten von Jahrhundertstürmen, Menschen und dem ominösen Mervolk vor. Das Setting an sich ist auf den ersten Seiten fantastisch. Allein das Magiesystem und seine Implementierung in die Gesellschaft im Land Eredunyen, dem Hauptspielplatz des Romans, ist liebevoll umgesetzt und eng mit der Handlung verwoben.

Leider war es letzten Endes genau die Geschichte an sich, die mich dann doch nicht so recht mitreißen wollte. Die Handlung an sich mag mit einem ziemlich klassischen Enemies to Lovers Set up zwar das Rad nicht neu erfinden, doch im ersten Drittel des Buchs fährt der Roman dennoch reibungslos und bietet durch die so liebevoll gestaltete Welt dabei auch noch eine fantastische, maritime Aussicht. Leider wirken die Interaktionen der Figuren miteinander aber häufig blechern, insbesondere die Dialoge. Was am Ausgangspunkt wie eine spannende Konfrontation mehrerer Kulturen und Klassen zwischen der Protagonistin Tavi und den Meereswegen, den Wellengeborenen, wirkt, verliert schnell an Authentizität, wenn die Figuren sich sprachlich allesamt nahezu identisch ausdrücken. Die Dialoge lesen sich für mich teilweise wie Selbstgespräche, weil Grammatik, Wortwahl, selbst Redewendungen bei allen Figuren so ähnlich sind, das die Eigenschaften, die ihnen zugeschrieben werden, leider überhaupt nicht für mich als Leserin in ihren Handlungen und Aussagen zu erkennen sind.

Während ich also zwar die Protagonistin Tavi als Figur sehr greifbar und in ihren Beziehungen, Verlusten, Ängsten und Zielen als sehr komplex gelesen habe, fallen die meisten Figuren hier für mich flach. Ich hatte den Eindruck, dass insbesondere der männliche Protagonist sehr auf seine Funktion als Liebesinteresse begrenzt wird und außerhalb von dieser Relevanz kaum als Person ausgestaltet wird. Ähnlich sind andere Nebenfiguren sehr auf ihre Funktion für die Handlung beschränkt und wirken dadurch sehr flach. Insbesondere im späteren Verlauf der Handlung haben die vielen Handlungswendungen für mich deshalb kaum Spannung aufgebaut oder zu großen Schockmomenten geführt. Dabei waren sie an sich in Andeutung, Aufbau und Figurenkonstellation wunderbar gestaltet: Nur die Figuren als solche waren für mich einfach nicht menschlich nachvollziehbar genug, um wirklich in die plötzlichen Schockmomente und Wendungen am Ende des Romans investiert zu sein.

Gerade für einen Debüt-Roman finde ich den Roman dennoch sehr gelungen. Ich würde auf jeden Fall gern mehr von der Autorin lesen und dem zweiten Band der Reihe eine Chance geben, weil mir die Richtung, in die die Handlung sich bewegt, wirklich gut gefällt. Aus bekannten Tropes überraschende Wendungen und Moment herauszuholen muss enorm schwer sein und in diesem Roman klappt das einfach nur hervorragend. Ich kann nur betonen, wie liebevoll die Welt von Eredunyen und die Handlung als solche erdacht und gebaut sind. Dennoch ist insbesondere die Romanze der beiden Protagonisten für mich eher beiläufig zu Tavis Reise verlaufen. Für Leser, die hierauf nicht zu viel Wert legen, empfehle ich diesen Roman auf jeden Fall. Gerade für ein langes Wochenende oder einen Urlaub (am besten am Meer) bringt dieser Roman die perfekte Ästhtetik und vor allem eine richtig immersive Welt mit sich, die sich mit guter Spannung wegliest.