Die Fußstapfen, die es anpeilt, sind zu groß!

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Wo fange ich an? Buckeye kommt mit einer Liste von Empfehlungsschreiben daher - Chris Whitaker liebt es, Tom Hanks ebenso. Ein bisschen packt mich die Angst, dass auch deutsche Buchcover zu einer Art Reklametafel für das bereits erworbene Exemplar werden, wie ich es aus der anglophilen Welt kenne und fürchte. So viele Vorschusslorbeeren am Produkt selbst, das steigert die Erwartung ungemein. Und was erwarte ich mir da?
„Buckeye“ bedeutet „Rosskastanie“ auf Englisch. Ich erwarte mir die Geschichte eines kleinen Jungen, der so genannt wird. Ein bisschen Mark Twain vielleicht, da der Junge am Cover allein in der Natur steht, ein bisschen Forrest Gump, da sich der Krieg und die Zeitgeschichte im Klappentext aufdrängen. Nichts bereitet mich darauf vor, dass 333 Seiten vergehen müssen, bevor das Kind überhaupt geboren wird! 652 Seiten lassen diesen Roman gewaltig daherkommen. Von einem amerikanischen Meisterwerk ist die Rede.
Um es kurz zu machen: Buckeye ist weniger die Geschichte des Jungen als die seiner Eltern. Wir sind am Beginn des Zweiten Weltkrieges und werden Zeugen davon, wie die USA sich langsam, aber sicher im Krieg zurechtfinden:
„… Dort konnte sie beobachten, wie der Krieg jede Sorte Mensch in der Stadt vor die Tür holte: jung, alt, Mann und Frau, Diakone von der Baptistenkirche, Rabbis aus beiden Synagogen, sogar Mr Deng, der in Shipp’s Süßwarenladen gearbeitet hatte, seit Becky sich erinnern konnte, und den nun Leute auf der Straße anschrien, weil sie ihn für einen Japaner hielten – und doch kam er hier mit einem Karton voller platt geklopfter Blechbüchsen und Metallfolie vorbei. Der Krieg schien an einem feinen Faden zu zupfen, der durch jeden Menschen lief, eine Vibration, die sie den ganzen Tag über spüren konnte. …“
Dieses Setting leitet die Geschichte von zwei Paaren ein, deren Leben sich durch einen kurzen Moment dann dauerhaft verbindet. Buckeye selbst wird in diese Konstellation hineingeboren und integraler Bestandteil davon werden. Die Lebenslügen und Verstrickungen der vier Ausgangscharaktere bestimmen maßgeblich das Sein des titelgebenden Charakters. All das geschieht vor dem Hintergrund der amerikanischen Geschichte.
Das kurze Zitat oben zeigt, dass Patrick Ryan schreiben kann, auch wenn ich nie das Gefühl habe, dass er genial ist, oder er mich über die Maßen berührt. Für mich steht und fällt die ganze Geschichte mit einem gewissen Aspekt, dem ich keine Sympathie abgewinnen kann, der dem Autor aber wohl wichtig war. Auch erinnert mich die Zeitschiene des Romans stark an Il Gattopardo und ich frage mich, ob Ryan das Buch ursprünglich ganz anders angelegt hatte. Wir verbringen hunderte Seiten in den Vierzigern und lesen viel über den damals herrschenden Zeitgeist, gegen Ende des Romans streifen wir nur so durch die Jahrzehnte und er stopft links und rechts was geht an Zeitgeschehen rein. Das fühlt sich gehetzt und nicht gut getaktet an. Magere zwei Spickzettel kleben in über 600 Seiten. Das bin ich von mir nicht gewohnt, aber auch das ein Hinweis darauf, dass mich das Geschriebene nicht abholen konnte, wenn sich der Autor auch viel Mühe gibt, die Charaktere nachvollziehbar zu halten. Was mich versöhnt, ist der Unterton über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit von Kriegen, die dem Buch aus allen Poren dringt.
Mein Fazit lautet, ich habe mir ehrlich Anderes erwartet und bin ratlos, doch gespannt auf andere Rezensionen.