Die Rosskastanie im Jahreswechsel

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Prominent beworben wird das Buch „Buckeye“ des Wahl-New Yorkers Patrick Ryan. Kein geringerer als Hollywoodgröße Tom Hanks lobt dieses warmherzige Buch zu mehreren Generationen, auf das er angeblich sehnsüchtig gewartet hat. Zu recht? Ist ein verkaufsfördernder Fürsprecher überhaupt notwendig? Dazu werfen wir einen Blick in die Struktur der Geschichte, die Ryan laut Abspann über einen längeren Zeitraum entworfen hat. Alles dreht sich um Bonhomie, einer typisch amerikanischen Kleinstadt in Ohio. Der Name klingt bereits nach einem wohligen Nest, wie das gute Zuhause. Aber das ist es nicht, jedenfalls nicht immer. Es sind die beängstigenden Jahre des bereits zweiten großen Krieges in der sogenannten zivilisierten Welt, der viele amerikanische Opfer gekostet hat.
Auf der einen Seiten erleben wir das herzzerreißende Erwachsenwerden des Findelkindes Margaret, die ebenso aus dem Irvingschen Waisenhaus Saint Cloud’s hätte stammen können. Sie ist klug und abenteuerlustig, jedoch nicht leichtsinnig. Nach ihrem Aufbruch ins Großstadtleben lernt sie den gutaussehenden Felix Jenkins kennen, mit dem sie sich in Bonhomie niederlässt. Kein unbeschwertes Glück. Bald schon kämpft Felix jenseits der Erdkugel für Amerikas Freiheit.
Auf der anderen Seite beobachten wir den von Geburt an mit einem verkürzten Bein bedachten Cal Salt, der im Gegensatz zu seinen Freunden für kriegsuntauglich befunden wird und fortan Schuldkomplexe mit sich herumträgt. Mit Becky, die ein feines Gespür für Cals liberalen Geist und Kunstverständnis besitzt und sogar über die besondere Gabe verfügt, mit Toten in Verbindung zu treten, geht er eine solide Ehe ein.
Dann geschieht das Unvorhersehbare. 1945, am Tag der deutschen Kapitulation, werden Margaret und Cal eher zufällig zusammengewürfelt und vor Freude besiegeln sie diese Kriegswende mit einem Kuss unter Fremden. Ein Ereignis, das auch für ihre persönlichen Lebensbahnen neue Weichen stellen wird und ihre Familien sowohl näherbringen als auch vor schwierigen Herausforderungen stellen wird.
Ryan ist es gelungen, eine amerikanische Chronik des 20. Jahrhunderts mit Rückblicken bis zum ersten Weltkrieg und Ausblicken bis zur 200-Jahr-Feier der USA im Jahr 1976 über drei Generationen zu verfassen. Die beiden wesentlichen Familiengeschichten sind gespickt mit urtypischem Amerikanismus, mit der Beschreibung unzähliger Marken, Mahlzeiten, Tänzen, Fahrzeugtypen und Liedern, die bleibende Spuren in den Seelen und im kollektiven Gedächtnis dieser stolzen Nation hinterlassen haben. Auch das Showbiz und die Politik kommen nicht zu kurz, denn es sind die schrecklichen Kriege um Kuba, Korea und letztlich Vietnam, die einen starken äußeren Einfluss auf das Schicksal der Protagonisten ausüben. Im Kern geht es jedoch um das, was eine Beziehung und - als Steigerung dieser Verbindung - eine Familie zusammenhält. Cals und Margarets Leidenschaft füreinander bleibt nicht ohne Folgen. Felix, der eine Vernunftehe mit Margaret eingegangen ist und sich tragischerweise in einem reaktionären Staat zu Männern hingezogen fühlt, sieht sich in einer schier ausweglosen Sackgasse. Ein Treuebruch, egal von welcher Seite, löst seine Probleme nicht. Becky hingegen muss mit Verletztheit und der Frage kämpfen, inwieweit sie verzeihen kann.
„Buckeye“, zu Deutsch Rosskastanie, ist der Spitzname für Tom, Margarets Sohn, der genauso kastanienrotes Haar hat wie Cal. Den Namen hat ihm sein Schulfreund Skip verliehen, der über alles geliebte Spross von Becky und Cal. Die Geheimnisse, die wie eine schwere Hypothek auf den Familien lasten, kommen erst nach und nach ans Licht. Manchmal auch ohne Aussicht auf Genugtuung.

Die amerikanische Familiensaga ist in einem warmen Erzählton komponiert worden. Ryan schafft es, mit lockeren Beschreibungen die Bilder von Bonhomie sowie von den größeren Städten Toledo, Akron und Cleveland wie ein Fotoalbum aufzublättern. Die Figuren sind sehr lebendig gezeichnet, die Dialoge voller Sprachwitz oder gebotener Ernsthaftigkeit. Häufig schwingt auch Ironie in dem Miteinander mit, so, als habe sich der Autor die Szenen immer und immer wieder vorgespielt, bis sie ihm wahrhaftig vorgekommen sind. Unvergessen der zynische, grantige und selbstgerechte Everett, Cals Vater und Kriegsversehrter des Großen Krieges (bevor es den zweiten gab). Hoffnungsloser Alkoholiker, unfähiger Alleinerziehender und messiehafter Menschenfeind, der sich dank Cals und Beckys Zuwendung auf die Grundwerte des menschlichen Daseins besinnt, ohne dass es kitschig wird. Die rund 650 Seiten über den American Way of Life und wie sich die Pflastersteine auf diesem im letzten Jahrhundert gewandelt haben, sind aus europäischer Sicht sehr lehrreich, amüsant und von romantischer Schärfe. Ein Roman, dessen Figuren ins Leserherz dringen und die es sich dort eine Weile bequem machen.

Fazit: Die Rosskastanie („Buckeye“) ist ein gefühlvoller, elaborierter Roman, der zum Wohlfühlen einlädt, zu Tränen rührt und den Sinn nach engen Familienbanden sowie einem selbstbestimmten Leben stärkt. Eine leichte Einschränkung sehe ich – trotz des munteren Erzählflusses – in der punktuellen Weitschweifigkeit, die vermutlich dem langen Entstehungsprozess des Buches geschuldet ist. Ryan hat eine Menge zu sagen, vermutlich zu viel. Ihm ist das Bemühen um Balance anzumerken, die Geschwätzigkeit nicht ausarten zu lassen, damit der Spannungsbogen straffgehalten werden kann. Wer einen etwas dickeren Schmöker nicht scheut, dem kann ich „Buckeye“ wärmstens ans Herz legen. So ganz unrecht hat selbst Hollywood nicht – in diesem Fall.