Packendes Familienepos, warmherzig und empathisch erzählt

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leukam Avatar

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Das Verhängnis beginnt mit einem Kuss. Auf der Suche nach einem Radio stürmt im Mai 1945 eine rothaarige junge Frau in Cals Eisenwarenladen und gemeinsam lauschen sie Präsident Trumans Ansage, dass sich Deutschland den Alliierten ergeben hat. Im Überschwang der Gefühle gibt Margaret dem Mann einen Kuss.
Dabei bleibt es nicht. Was folgt ist eine hitzige Affäre, die ein Ende findet, als Margarets Mann Felix aus dem Krieg heimkehrt .
Doch zunächst springt der Erzähler zurück in die Vergangenheit und erzählt die Vorgeschichte seiner Protagonisten.
Schauplatz des Romans ist eine fiktive Kleinstadt in Ohio, die stellvertretend für die amerikanische Provinz stehen kann. Der Roman umspannt mehrere Jahrzehnte, beginnend in den Zwanziger Jahren und er endet mit der 200- Jahrfeier der USA im Jahr 1976.
Cal wächst bei einem schwierigen Vater auf. Die Mutter und zwei Geschwister sterben früh. Von Geburt an hat er ein verkürztes Bein, was ihn in seiner Kindheit zu einem Außenseiter macht. Doch später erweist sich dieser vermeintliche körperliche Makel als Vorteil, denn Cal wird bei Kriegseintritt der USA ausgemustert. Er selbst empfindet das als Manko, schämt sich sogar dafür.
Cal heiratet Becky, eine liebenswerte Frau mit einer außergewöhnlichen Gabe: Sie kann mit Toten in Kontakt treten. So ist sie Anlaufstelle für viele, die von ihren Lieben im Jenseits eine beruhigende Antwort erhoffen. Dass sie für ihre Seancen kein Geld nimmt, spricht für ihren lauteren Charakter. Doch Cal hält ihr Tun für Humbug, was zu einer Entfremdung zwischen dem Ehepaar führt.
Auch deshalb lässt sich Cal auf eine Beziehung zu Margaret ein.
Margaret ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Vor deren Tür wurde sie als Säugling abgelegt. Und später fand sich keine Pflegefamilie, die Margaret dauerhaft bei sich haben wollte. Dieses Gefühl, ungewollt, unerwünscht zu sein, prägt Margaret und begleitet sie ein Leben lang. Nicht einmal ihrem Mann vertraut sie das Geheimnis ihrer Herkunft an.
Aber nicht nur das steht zwischen ihr und Felix, einem attraktiven Mann aus gutem Hause. Auch er trägt schwer an einem Geheimnis und kann ihr deshalb nicht der Mann sein, den sie sich wünscht und braucht.
Patrick Ryan erzählt abwechselnd von den beiden Familien, die schicksalshaft miteinander verbunden sind. Beide Paare bekommen einen Sohn, Skip und Tom. Die beiden freunden sich in ihrer Kindheit an, ohne etwas vom Geheimnis der Erwachsenen zu wissen.

Mit seiner linearen Erzählweise und einem allwissenden Autor ist der Roman konventionell geschrieben , was ich keineswegs als Manko empfinde. Im Gegenteil! Patrick Ryan lässt sich Zeit, um zu beschreiben, wie seine Figuren zu dem wurden, was sie sind. Warmherzig und voller Empathie begleitet er sie auf manchen Irrwegen, lässt sie Fehler machen, ohne sie zu verurteilen. Gerade ihre Ambivalenz macht die Protagonisten zu lebendigen und authentischen Charakteren, die dem Lesenden ans Herz wachsen.
Dass der Roman einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann, liegt nicht nur an den Figuren, sondern auch an der Atmosphäre, die er vermittelt. In vielen detailreich geschilderten Episoden lässt der Autor das Kleinstadtleben in der Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts auferstehen. Das wird keineswegs als Idylle gezeichnet . Vorgeschriebene Rollenmuster, unterschiedliche Zwänge und die soziale Kontrolle zwingen den Menschen ein Korsett auf. So kann eine Figur seine Homosexualität nur im Verborgenen ausleben, kann nie zu seiner wahren Identität stehen. Und auch eine längst beendete Affäre führt bei seiner Entdeckung zu weitreichenden Folgen.
Das Zeitgeschehen wird über die Figuren transportiert. Zentrale Bedeutung haben die Kriege, in denen die USA verwickelt waren. Sie alle haben traumatische Auswirkungen auf die Protagonisten. So kommt Cals Vater als ein an der Seele versehrter Mensch nach Hause. Und er wird zeitlebens gegen den Wahnsinn des Krieges ankämpfen, in dem er immer wieder bitterböse Briefe an die jeweiligen kriegsführenden Präsidenten schreibt. Cal dagegen empfindet seine Kriegsuntauglichkeit als Schmach. Felix wiederum kommt nie darüber hinweg, dass er einer der wenigen Überlebenden eines japanischen Torpedoangriffs war. Und später meldet sich Skip als Freiwilliger nach Vietnam.
Der 1965 geborene US-Autor Patrick Ryan hat sich zuvor mit Kurzgeschichten und Jugendbüchern einen Namen gemacht. Mit seinem ersten Roman „Buckeye“ eroberte er einen Platz auf der Bestsellerliste in seiner Heimat. Ich hoffe, dass diese opulente und packende Familiensaga auch in Deutschland erfolgreich ist.