Fantasy für Jung und Alt

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Cassandra Morgan startet nicht gerade mit Rückenwind ins Leben. Ein trostloses Internat, eine Mutter, die seit Jahren verschwunden ist, und dann auch noch die Nachricht, dass sie offiziell für tot erklärt wurde. Als Cassandra kurz davorsteht, im nächsten Waisenhaus zu landen, bleibt ihr nur die Flucht – und ein merkwürdiger Schlüssel, den ihre Mutter ihr einst anvertraut hat. Ab diesem Moment kippt die Geschichte sehr schnell von realistischer Tristesse in eine Welt, in der Märchen ziemlich reale Gefahren bergen.

Der Umzug nach Hartwood Hall zu Tante Miranda bringt zwar ein Dach über dem Kopf, aber keine Geborgenheit. Miranda ist kühl, streng und Hexe mit klaren Regeln. Die wichtigste davon lautet, den Wald zwischen den Welten nicht zu betreten. Dass Cassandra genau dieses Verbot missachtet, ist wenig überraschend, schließlich treibt sie die Suche nach ihrer Mutter an, und Antworten scheint es nur jenseits der Grenze zu geben.

Der Wald, der an Faerie grenzt, ist düster, unberechenbar und bevölkert von Wesen, bei denen man nie sicher sein kann, ob sie helfen oder schaden wollen. Goblins, sprechende Tiere, seltsame Wächter und uralte Magie sorgen dafür, dass jede Begegnung eine gewisse Spannung mit sich bringt.

Cassandra selbst ist keine makellos schillernde Heldin, die auf Anhieb als begabte Hexe brilliert. Sie handelt oft impulsiv, ignoriert Warnungen und bringt sich wiederholt in Gefahr. Aber das passt zu ihrer Situation: Sie ist allein, verzweifelt und klammert sich an die Hoffnung, ihre Mutter zu finden. Aber sie ist auch loyal, offenherzig und eine gute Freundin.

Die Geschichte wird von zahlreichen Nebenfiguren besiedelt, die aber nicht alle gleich stark ausgearbeitet sind. Tante Miranda bleibt lange schwer greifbar. Ihr Verhalten wirkt distanziert, teilweise sogar herzlos, und erst spät bekommt man eine Ahnung davon, was sie innerlich bewegt. Das sorgt für Reibung, lässt aber auch Fragen offen. Deutlich wärmer fallen die Freundschaften aus, die Cassandra im Laufe der Geschichte knüpft – allen voran zu Rue.

Der Plot hält einige Wendungen bereit, die man nicht kommen sieht. Intrigen, falsches Vertrauen und moralisch fragwürdige Entscheidungen spielen eine größere Rolle, als man es von einer Fantasygeschichte ab zehn Jahren vielleicht erwarten würde. Gleichzeitig bleiben manche Aspekte bewusst vage. Über Faerie selbst erfährt man nur bruchstückhaft etwas, was klar neugierig macht, aber auch ein wenig unbefriedigt zurücklässt.

Auch handwerklich ist das Buch auf junge Vielleser:innen zugeschnitten: kurze Kapitel, große Schrift und eine klare Struktur sorgen dafür, dass sich die rund 400 Seiten erstaunlich flott lesen. Die Ausstattung ist hochwertig, mit verziertem Cover, bedrucktem Buchschnitt und kleinen Illustrationen zu Kapitelbeginn, die gut zur Stimmung passen.

„Der goldene Schlüssel“ ist ein spannender Auftakt. Die Geschichte hat Ecken und Kanten, lässt bewusst Fragen offen und traut sich, ihre junge Protagonistin Fehler machen zu lassen. Wer Geschichten über Hexen, geheimnisvolle Wälder, ungelöste Familienrätsel und Mut mag, wird hier gut abgeholt. Ich bin sooooo neugierig auf das, was Cassandra als Nächstes erwartet.