Überraschend facettenreich

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Malin ist unzufrieden und unsicher, wünscht sich nichts mehr als talentierter, schöner und insgesamt besser zu sein. Doch Malin spielt nie mehr als die zweite Geige, ist maximal durchschnittlich und ihre Familie trägt auch nicht dazu bei, dass sie sich inmitten der coolen Kids platziert.
Mit dem Auftauchen von Maira, der mysteriösen Neuen an der Schule, könnte sich Malins Leben jedoch schlagartig ändern …

Maira weiß genau, was über sie erzählt wird. Aber niemand fragt, wer sie in Wahrheit ist. Was hinter den Gerüchten, ihren Fähigkeiten steckt und was diese kosten …
Ein Plan, ein zwielichtiger Deal, ein dunkles Versprechen …

„Chimaira: Malin & Maira“ ist ein Jugendbuch von Sabine Giebken, in der wir wörtlich zwei Seiten einer Geschichte erleben und so die Protagonistinnen noch besser verstehen und greifen können.
Zu Anfang möchte ich die interessante Aufmachung loben, so entscheidet der Lesende selbst, welche Perspektive er/sie zuerst entdecken will. Dies sorgt auch dafür, dass wir Details und Eindrücke wahrnehmen und Ereignisse wie Entscheidungen genauer hinterfragen und bewerten müssen.

In diesem Roman geht es um viele vor allem für die Zielgruppe wichtige Themen: bspw. um die Frage, wer man ist und sein will – und ob fremde Erwartungen es wert sind, die eigene Persönlichkeit aufzugeben und sich bei dem Versuch, jemand anderes zu sein, womöglich selbst zu verlieren. Würden ein verändertes Erscheinungsbild, bessere Noten oder neue Talente tatsächlich etwas bewirken oder zählt vielleicht doch das Innere mit all den Eigenheiten und Macken?
Es geht um Unsicherheiten und leidige Vergleiche, darum, wie leicht die eigene Wahrnehmung auf sich selbst und andere von äußeren Umständen, der Erziehung oder Stereotypen beeinflusst werden kann, aber auch um Freundschaften, über Objektivität hinaus, Verliebtsein und Familienbande.

Giebkens Stil ist dem Jugendbuchgenre entsprechend verständlich und klar, dabei jedoch nicht zu schlicht und einfach, sodass auch Ältere und Reifere das Geschehen mit Neugier und Spannung verfolgen können.
Während Malin zwar eine genaue Vorstellung davon hat, wer sie gerne wäre und welchen Eindruck sie erwecken will, sie jede ihrer Handlungen und die Kleiderwahl, jedes ihrer Worte hinterfragt, sie Zurückhaltung perfektioniert hat und ihre Wangen ununterbrochen vor Schamesröte glühen, mimt Maira ein Mädchen, von dem etwas Kaltes ausgeht, der eine Unberechenbarkeit inne liegt, die sie gefährlich scheinen lassen. Ihre Intentionen und Motive liegen im Dunklen, was ihr als Figur einen gewissen Reiz gibt.
Doch auch sie wird im Verlauf auf eine Art beleuchtet, die Verletzlichkeit und einen Riss in der glatten Fassade offenbart.

Besonders gelungen fand ich, dass Malin nicht von jetzt auf gleich aufgrund eines Zaubers oder dergleichen das Selbstbewusstsein in Person wird. Im Gegenteil: Malin muss sich mehrfach überwinden und über ihre Grenzen hinausschreiten. Nur ihre Entscheidungen haben die Macht, ihre Situation zu beeinflussen. Mit der Zeit verändert sich nicht nur ihre Außenwirkung, sondern auch das, was Malin über sich selbst denkt.
Ihr zögern und zweifeln machten sie zu einer nahbaren Jugendlichen, die mit den typischen Komplexen ringt und somit zu einer, mit der es sich identifizieren lässt. Die Autorin drängt Malin nicht nur in unangenehme Momente, sondern konfrontiert sie auch mit den Konsequenzen ihrer Wünsche und ihres Handelns, was ein signifikantes Wachstum generiert.
Dass Malin und Maira komplett verschiedene Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Zielen sind, macht ihre Dynamik umso fesselnder. Ich habe vielerorts Vermutungen angestellt und spekuliert, wohin ihre gemeinsame „Reise“ gehen wird und wurde das eine oder andere Mal von Wahrheiten und Gedankengängen überrascht.

Sowohl Setting als auch Stimmung und die geheimnisvollen Vibes umrahmen die Geschichte mit all den ersten Tönen, den Höhen und Tiefen perfekt. Obgleich sich merklich auf das Innenleben der beiden fokussiert wurde, auf ihre langsame Veränderung und die gesammelten Erkenntnisse, gab es Witz und Charme, berührende Augenblicke und Figuren, die die Storyline zusätzlich beleben. An manchen Stellen hätte ich mir mehr Zeit gewünscht, um Emotionen spüren zu können, doch nichtsdestotrotz ist „Chimaira: Malin & Maira“ ein vielschichtiges Jugendbuch mit Tiefgang.