Unsichtbare Narben und die Macht der Vergangenheit

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Hier ist mein Leseeindruck zur Leseprobe von „Counting Days“ von Steffi Kuhlmann als zusammenhängender Fließtext:

Schon der erste optische und atmosphärische Eindruck von „Counting Days“ zieht sofort in seinen Bann. Das Cover fängt mit feinen Skizzen der Heidelberger Alten Brücke und einem geschwungenen, modernen Schriftzug genau jene melancholische und zugleich ästhetische Stimmung ein, die für eine tiefgründige New-Adult-Geschichte so essenziell ist. Verstärkt wird dieses Gefühl durch die vorangestellte Playlist mit Künstlern wie Gracie Abrams oder Noah Kahan, die perfekt auf den emotionalen Ton des Buches einstimmt. Steffi Kuhlmanns Schreibstil ist dabei wunderbar flüssig, bildhaft und emotional einnehmend; sie schafft es mühelos, die Kulissen – vom vertrauten Jugendzimmer im Prolog über eine lebendige Hamburger WG bis hin zur typischen Mensa-Atmosphäre in Heidelberg – lebendig greifbar zu machen. Besonders stark erweist sich die Autorin in der Ausgestaltung der inneren Monologe, durch welche die Ängste, Selbstzweifel und mentalen Narben der Figuren extrem nahbar und empathisch transportiert werden.

Der Spannungsaufbau der Leseprobe ist exzellent konstruiert und arbeitet mit geschickten emotionalen Brüchen. Während der Prolog den Leser mitten in das intime Beziehungsgefüge von Alex und Lia wirft, schwebt über der Idylle bereits ein schwerwiegendes, unausgesprochenes Geheimnis von Alex, das eine unterschwellige Neugier weckt. Der anschließende Zeitsprung von drei Jahren bricht die Situation radikal auf. Dalias schmerzhafter Jobverlust aufgrund von diskriminierendem Body Shaming bringt eine greifbare Alltagsspannung hinein, die durch den plötzlichen, dramatischen Motorradunfall ihres Zwillingsbruders Damian in eine absolute emotionale Krise umschlägt. Dass das zweite Kapitel parallel in Heidelberg bei Alex ansetzt, führt die beiden Handlungsstränge geschickt aufeinander zu und lässt erahnen, dass das Schicksal sie unweigerlich wieder zusammenführen wird.

Die bisher vorgestellten Charaktere überzeugen auf ganzer Linie. Dalia ist eine unheimlich authentische Protagonistin, deren Verletzlichkeit durch ihre Figurprobleme und ihre Selbstzweifel spürbar ist, die aber in ihrer schlagfertigen Reaktion gegenüber der unverschämten Kundin auch echte Stärke beweist. Alex hingegen fasziniert durch den Kontrast zwischen dem liebevollen Jungen aus dem Prolog und dem kontrollierten, distanzierten Jurastudenten mit radikalem Buzzcut in der Gegenwart, was die Frage aufwirft, was ihn so verändert hat. Die quirligen Nebenfiguren aus den jeweiligen WGs bringen zudem eine erfrischende Dynamik und humorvolle Leichtigkeit in die sonst eher ernste Grundstimmung.

Von der weiteren Geschichte erwarte ich eine hochemotionale „Second Chance“-Romance, die sich sensibel mit Themen wie mentaler Gesundheit, gesellschaftlichen Schönheitsidealen und dem Umgang mit sichtbaren sowie unsichtbaren Narben der Vergangenheit auseinandersetzt. Ich möchte das Buch unbedingt weiterlesen, weil mich der dramatische Unfall völlig kalt erwischt hat, ich unbedingt wissen will, wie es um Damian steht, und das unweigerliche, hochexplosive Wiedersehen zwischen Dalia und Alex im Heidelberger Krankenhaus eine enorme emotionale Anziehungskraft besitzt. Die brennende Frage, welches Geheimnis die beiden damals entzweit hat, lässt mich als Leser einfach nicht mehr los.