Dunkelheit

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evaerl Avatar

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⭐⭐⭐☆☆

Dieses Buch hat es mir wirklich nicht leicht gemacht. Während des Lesens schwankte ich ständig zwischen Begeisterung, Frustration, Neugier und manchmal sogar Langeweile. Es gehört zu den Geschichten, bei denen ich nie das Gefühl hatte, komplett hineingezogen zu werden, die mich aber gleichzeitig auch nie losgelassen haben. Am Ende blieb für mich ein Fantasyroman zurück, der viele schöne Ansätze hat, einige wirklich starke Charaktere bietet und vor allem durch seine emotionalen Momente überzeugen kann, auch wenn mich die eigentliche Handlung nicht immer mitreißen konnte.

Der größte Grund, warum ich das Buch überhaupt so gerne gelesen habe, ist Sorrel. Sie ist eine Protagonistin, die man einfach gernhaben muss. Obwohl sie von vielen Menschen verurteilt wird und ihr Leben alles andere als leicht ist, verliert sie nie ihre Fähigkeit, Mitgefühl zu zeigen. Sie hilft anderen Menschen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, und besitzt eine Herzlichkeit, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. Gerade weil sie selbst so wenig Freundlichkeit erfährt, haben ihre guten Taten umso mehr Gewicht.

Besonders gefallen hat mir, dass Sorrel nicht perfekt ist. Sie ist unsicher, zweifelt an sich selbst und hat Schwierigkeiten zu verstehen, warum andere Menschen überhaupt etwas Gutes für sie tun sollten. Dadurch wirkte sie unglaublich menschlich. Ihre Entwicklung gehört für mich zu den stärksten Aspekten des Buches. Man merkt, wie sie langsam beginnt, sich selbst mehr zuzutrauen und ihren Platz in der Welt zu hinterfragen.

Merc war für mich die größte Überraschung des Buches. Anfangs wirkt er wie der typische verschlossene Einzelgänger. Jemand, der niemanden an sich heranlässt und immer so tut, als wäre ihm alles egal. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr erkennt man die vielen kleinen Nuancen seines Charakters. Hinter seiner trockenen und oft distanzierten Art steckt deutlich mehr, als er zeigen möchte.

Gerade diese Widersprüchlichkeit hat ihn für mich interessant gemacht. Er behauptet oft das eine und handelt dann völlig anders. Seine Taten sprechen häufig eine andere Sprache als seine Worte. Dadurch wirkt er deutlich vielschichtiger als viele andere Figuren dieser Art. Besonders seine Dynamik mit Sorrel hat mir gefallen. Zwischen ihnen entsteht langsam Vertrauen, Verständnis und eine Nähe, die sich für mich größtenteils glaubwürdig entwickelt hat. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass ihre Beziehung noch etwas mehr Raum bekommt, weil ich das Gefühl hatte, dass sie erst dann richtig interessant wird, als die Geschichte bereits auf ihr Ende zusteuert.

Mit dem Ritter wurde ich dagegen nie wirklich warm. Das liegt nicht daran, dass er schlecht geschrieben wäre. Tatsächlich glaube ich sogar, dass genau diese Wirkung beabsichtigt ist. Während des gesamten Buches hatte ich bei ihm das Gefühl, nie genau zu wissen, woran ich bin. Er wirkt freundlich, höflich und hilfsbereit, gleichzeitig schwingt immer etwas mit, das mich misstrauisch gemacht hat. Seine Motive bleiben lange schwer greifbar und ich konnte nie vollständig einschätzen, ob seine Entscheidungen wirklich selbstlos sind oder ob dahinter noch andere Absichten stecken. Dadurch sorgt er zwar für Spannung, emotional konnte ich jedoch deutlich weniger zu ihm aufbauen als zu Sorrel oder Merc.

Was mir insgesamt sehr gefallen hat, sind die vielen Nebenfiguren. Oft sind es gerade die kleineren Begegnungen, die dem Buch seine emotionale Stärke verleihen. Immer wieder trifft Sorrel auf Menschen, die ihr Freundlichkeit, Verständnis oder Unterstützung entgegenbringen. Diese Momente waren für mich häufig berührender als die eigentliche Haupthandlung. Sie zeigen, wie wichtig Mitgefühl sein kann und verleihen der Geschichte eine Wärme, die man in vielen Fantasybüchern vergeblich sucht.

Überhaupt sind Freundschaft, Zusammenhalt und Menschlichkeit für mich die größten Stärken dieses Romans. Es geht nicht nur um Magie, Prophezeiungen oder große Gefahren. Viel häufiger geht es darum, wie Menschen miteinander umgehen und wie viel ein einzelner Akt der Freundlichkeit bewirken kann. Gerade diese Szenen haben mich oft am meisten berührt.

Das World Building hat mir insgesamt ebenfalls gefallen. Die Welt wirkt groß, lebendig und voller Geheimnisse. Die verschiedenen Orte werden sehr bildhaft beschrieben und ich konnte mir viele Szenen problemlos vorstellen. Besonders die Landschaften und die Atmosphäre einzelner Schauplätze sind der Autorin wirklich gut gelungen.

Allerdings war genau dieser Bereich für mich gleichzeitig auch eine Schwäche. Viele Aspekte der Welt und vor allem des Magiesystems bleiben lange unklar. Immer wieder werden neue Informationen, neue Begriffe oder neue Elemente eingeführt, bevor die vorherigen vollständig erklärt wurden. Dadurch hatte ich häufig das Gefühl, den Überblick zu verlieren. Statt neugierig zu sein, war ich manchmal eher verwirrt.

Ein ähnliches Problem hatte ich mit der Spannung. Objektiv betrachtet passiert in diesem Buch unglaublich viel. Es gibt Geheimnisse, Gefahren, neue Enthüllungen und zahlreiche Wendungen. Trotzdem wollte sich bei mir über weite Strecken keine echte Spannung einstellen. Oft hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte zwar ständig neue Fragen aufwirft, aber nur wenige Antworten liefert. Erst im späteren Verlauf wurde ich wirklich neugierig darauf, wie alles zusammenhängt.

Besonders hervorheben möchte ich jedoch die Atmosphäre. Das Buch besitzt eine gewisse Melancholie, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. Gleichzeitig gibt es immer wieder hoffnungsvolle und warme Momente, die einen daran erinnern, dass selbst in den dunkelsten Situationen Licht zu finden ist. Diese Mischung hat mir sehr gefallen.

Am Ende bleibt für mich ein Fantasyroman mit einer unglaublich liebenswerten Hauptfigur, vielen emotionalen Momenten und einer Welt, die faszinierend, aber manchmal auch etwas zu kompliziert ist. Die Charaktere, vor allem Sorrel und Merc, waren der Grund, warum ich weiterlesen wollte. Die Handlung selbst konnte mich nicht immer vollständig überzeugen, doch die zwischenmenschlichen Beziehungen und die vielen kleinen Momente voller Wärme haben das für mich ausgeglichen.

Deshalb lande ich letztendlich bei soliden drei Sternen. Kein Buch, das mich komplett umgehauen hat, aber eines, das mir einige sehr schöne Lesestunden beschert und vor allem mit seinen Figuren in Erinnerung bleiben wird.