Ein schmerzhaft schönes Buch über das Echo einer Gewalttat

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doroko Avatar

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Jasmin Schreiber hat mit „Da, wo ich dich sehen kann“ ein Thema angepackt, das wehtut: der Femizid und die Trümmerhaufen, die er hinterlässt. Dieses Buch hat mich emotional regelrecht in die Mangel genommen, auch wenn ich zwischendurch ein wenig mit der Erzählweise zu kämpfen hatte.
Die Geschichte der neunjährigen Maja, die ihre Mutter durch einen Femizid verliert, hat mich tief berührt. Nicht nur wegen des Themas, sondern auch wegen der leisen, eindringlichen Art, wie es erzählt wird. Es geht nicht um das Verbrechen selbst, sondern um das Danach. Um die Sprachlosigkeit. Um das Funktionieren-Müssen. Und um eine Kindheit, die abrupt ihre Unbeschwertheit verliert.
Ich habe beim Lesen oft innehalten müssen. Majas Perspektive ist so fein und glaubwürdig gezeichnet, dass mir manches regelrecht das Herz zugeschnürt hat. Gleichzeitig war da die Astrophysikerin Liv, die Patentante, die plötzlich Verantwortung trägt und doch selbst zwischen Trauer, Wut und Überforderung schwankt. Diese Mehrstimmigkeit macht die Geschichte intensiv und sehr nah.
Was mich besonders berührt hat, waren die leisen Momente zwischen all dem Schmerz. Die Szenen mit dem Teleskop, der Blick in den Himmel – als würde das Universum einen Hauch Trost spenden, wenn auf der Erde alles zerbrochen ist. Diese Bilder bleiben im Kopf.
Und trotzdem: Dieses Buch ist keine leichte Lektüre. Die emotionale Dichte ist hoch, stellenweise fast erdrückend. Es gibt kaum Atempausen, kaum Momente, in denen man sich sammeln kann. Manchmal hätte ich mir ein wenig mehr Zurückhaltung gewünscht, etwas mehr Raum zwischen den Gefühlen. Nicht, weil das Thema es nicht verdient, sondern weil die Intensität dauerhaft sehr fordernd sein kann.
Zwei kleine Kritikpunkte sind anzumerken:
Der Fokus liegt auf dem „Danach“, auf dem Echo der Tat bzw. Gewalt. Das ist wichtig und richtig, aber im Mittelteil zog sich die Geschichte für mich an manchen Stellen wie Kaugummi. Die emotionale Starre, in der die Charaktere gefangen sind, ist zwar realistisch für einen Trauerprozess, machte es mir als Leserin aber manchmal schwer, dranzubleiben.
Und dann waren da so Momente, bei denen ich gelegentlich das Gefühl hatte, dass die Rollenverteilung – gerade bei den Großeltern und den Behörden – etwas zu plakativ geraten ist, um die gesellschaftliche Kritik zum Thema Femizid deutlicher zu machen.
Dennoch ist „Da, wo ich dich sehen kann“ ist ein wichtiges, aufwühlendes und handwerklich starkes Buch, das eine Stimme für die Hinterbliebenen findet. Es ist keine leichte Kost und braucht Geduld, aber wer emotionalen Tiefgang und eine bildgewaltige Sprache mag, wird dieses Buch mögen. Von mir gibt es eine absolute Lese-Empfehlung und fünf Sterne.