Wenn die Gewalt nachhallt und Liebe trotzdem bleibt

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"Da, wo ich dich sehen kann" von Jasmin Schreiber ist ein Roman, der richtig weh tut. Erschienen beim Eichborn Verlag, erzählt das Buch aus unterschiedlichen Perspektiven von einem Femizid und dem Danach: von Trauer, strukturellem Versagen, Schuldgefühlen und dem verzweifelten Versuch, weiterzuleben. Im Zentrum stehen die neunjährige Maja, deren Vater ihre Mutter Emma tötet, und Liv, Emmas beste Freundin, die plötzlich Verantwortung für Maja übernimmt.

Meine Meinung
Schon die Widmung des Buches trifft mit voller Wucht: „Für meine Nachbarin, die dieses Jahr von ihrem Ehemann vor den Augen ihres gemeinsamen Kindes in ihrer Wohnung erstochen wurde. Und für alle anderen, die durch männliche Gewalt verletzt wurden …“ Man merkt sofort: Dieses Buch liegt der Autorin sehr am Herzen.

Für mich liegt das Besondere dieses Buches in seiner Vielschichtigkeit. Schreiber arbeitet mit wechselnden Perspektiven (Tochter, Patentante, Eltern, sogar die Hündin Chloé) und mit unterschiedlichen Textsorten (Notrufprotokolle, Zeitungsberichte, gerichtsmedizinische Dokumente, Was-wäre-wenn-Passagen). Gerade die "Was-wäre-wenn-Passagen" haben mich nicht losgelassen, weil sie schmerzhaft zeigen, wo seitens der Hinterbliebenen überall ein anderes Handeln möglich gewesen wäre, ohne dabei in Schuldzuweisungen zu kippen.

Die psychologische Tiefe des Buches ist enorm. Etwa, wenn Majas kindliche Selbstschuld sichtbar wird: „Sie wusste, dass es ihr Job war, auf Mama aufzupassen … aber sie war nicht gründlich genug gewesen“ (S. 206). Oder Livs Wut auf eine Gesellschaft, die weibliches Leid konsumiert: „Der tote Frauenkörper als Erzählmotor für faule oder unkreative Drehbuchschreiber …“ (S. 268).

Platz bekommt im Buch auch die Auseinandersetzung mit Mutterschaft, Ambivalenz und Überforderung. Ein Satz hat sich mir eingebrannt:
„Ich trauere der Frau hinterher, die ich hätte sein können“ (S. 130). Einfach auch um zu zeigen, Mutterschaft kann was erfüllendes sein, aber es gibt auch immer eine Frau mit ihren eigenen Träumen, von denen Mutterschaft vielleicht ein Traum ist, aber wo noch mehr dahintersteckt als nur das Mama-Dasein.

Das Buch stellt vor allem auch unbequeme Fragen: Warum werden Warnzeichen übersehen? Warum wird Gewalt gegen Frauen noch immer verharmlost, ästhetisiert, instrumentalisiert? Und wie viele Verluste kann ein Mensch eigentlich ertragen?

Fazit
"Da, wo ich dich sehen kann" ist definitiv kein leichtes Buch, aber ein notwendiges. Es fordert Empathie, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, hinzusehen. Für alle, die feministische Romane lesen wollen, die nichts für nebenbei oder zur Zerstreuung sind. Ein Jahreshighlight für mich und ein Buch, das lange nachhallt. Ich empfehle es sehr gerne weiter.